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Neues zur Geldsystemdebatte – Diffamierungen und konstruierte Gegenargumente (aktualisierte Fassung)

6. Dezember 2012 in Blog - alle Themen

Einige kurze Gegendarstellungen

Ein weiteres Jahr ist nun vergangen, seit dem Aufkommen der Occupy-Bewegung, ein weiteres Jahr auch in dem die mediale Berichterstattung über das was gemeinhin „Krise“ genannt wird oft nur noch die ewig selben Ratlosigkeiten verkündet. Währenddessen leiden die Menschen in Europa und weltweit unter den Auswirkungen eines erodierenden Systems. Die arte-Doku „Gemachte Armut“  verdeutlicht die konkreten Auswirkungen immer klammerer Staatshaushalte und immer weiter steigender Schuldenberge. Sozialleistungen werden gestrichen, Ausgaben werden gekürzt, die gigantischen Schuldenstände im System werden konsequent auf die Bevölkerung überschrieben.

Eng mit Occupy verbunden war und ist eine Kritik am bestehenden Giralgeldsystem. Diese Kritik macht natürlich nicht Notwendigkeit die kapitalistische Wirtschaftslogik ebenso zu überwinden obsolet, ist jedoch wichtiger Bestandteil eines gesamtsystemischen Verständnisses bezüglich der immer größeren Ungleichverteilung von Besitz und Einkommen.

Da Occupy dieses Thema erstmals gesamtgesellschaftlich auf die politische Agenda setzte, waren von Beginn auch Saboteure der Debatte am Werk, die die Geldsystemkritik schlecht- oder totreden wollten. Es ist nicht immer klar ob es sich hierbei um bewusste Lobbyisten der Bankeninteressen, oder ob es sich eher um geistig verwirrte Fanatiker handelt. Sicher ist jedoch: Die diffamierenden Stimmen sind nach einem weiteren Jahr der Debatte längst versprengt und isoliert. Es sind oft die selben Stimmen, die Kriegstreiberei unterstützen und massive Beleidigungs- und Hetzkampagnen betreiben. Nicht selten behaupten diese Akteure von sich im linken Spektrum beheimatet zu sein. Eine Einordnung die man getrost zurückweisen kann – beleidigt sie doch alles das wofür „links sein“ im Kern stehen sollte: Den Einsatz für eine gerechte Welt.

Da vereinzelte Stimmen jedoch immer noch die altbekannten Diffamierungen und Ablenkungen bezüglich der Geldsystemkritik wiederkäuen, sollten im Folgenden die beliebtesten Scheinargumente dieser fehlgeleiteten Geister kurz entkräftet werden.

Auch im kommenden Jahr wird dieses zerstörerische System weiter seine Kreise ziehen und zahllosen Menschen die Lebensgrundlage rauben. Occupy sollte sich hier neu positionieren und bei der nächsten, zu erwartenden Krisen-Runde mit den absehbaren Komponenten wie „Reformen“, „Rettungen“ und Budget-Streichungen der öffentlichen Kassen offensiv die Mängel im Geldsystem anprangern. Nur so kann eine finanzpolitische Grundlage geschaffen werden, die auch die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftslogik ermöglicht.

 

Die Highlights der Scheinargumente in Sachen Geldsystem

Der Knaller gleich zuerst: Geldsystemkritik, fälschlicherweise dann als „Zinskritik“ bezeichnet, sei „strukturell antisemitisch“, denn man wolle ja eigentlich zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital unterscheiden und den Geldbesitzern unterstellen, sie würden – eventuell gar in einer großen Verschwörung – den Rest der Menschheit planmäßig ausbeuten.

Gegendarstellung: An der Wortwahl dieser Argumentationsführung, die stets dieselbe ist, erkennt man, wie sehr dieser Einwand konstruiert ist. Gleichsam haben zahlreiche „Intellektuelle“ endlose Pamphlete über eben jenen Antisemitismusvorwurf verfasst, stets ohne eine grundlegende Sache zu berücksichtigen: Das Geldsystem als solches ist nun einmal fehlerhaft und ungerecht und führt zentrifugal zu einer Ungleichverteilung der Geldvermögen. Es handelt sich dabei um einen mathematischen Effekt, und weder Geldbesitzer noch Banker tragen dafür eine Verantwortung. Sie sind lediglich materielle Profiteure dieses Systems. Wenn man sich schon die Schuldfrage stellt, sollte man eher den homo ignorans weiter thematisieren, den Ignoranten des fehlerhaften Geldsystems. Und wen wundert es: Das wären dann wohl rund 90% der Bevölkerung.

Zudem gilt:  Wenn die Menschen die Fehlerhaftigkeit des bestehenden Geldsystems nicht verstehen, droht meist eine „Hexenjagd“; wird für gewöhnlich die Schuld einer privilegierten Minderheit in die Schuhe geschoben. Man selbst kann es ja nicht gewesen sein – man hat ja schließlich immer alles richtig gemacht. Vielleicht hat man sich ab und zu mal etwas ignorant verhalten, aber das kann es ja nicht gewesen sein…

Die „kritische“ Variante des Vorwurfs: Bei der Geldsystemkritik (auch dann gerne wieder als „Zinskritik“ umgedeutet) handele es sich um eine „Verkürzte Kapitalismuskritik“. Einfach ausgedrückt: „Du dachtest zwar, du hast es verstanden, aber eigentlich bist du zu doof dafür; musst erst 10 Jahre lang Marx gelesen haben – die gesammelten Schriften versteht sich – und ohnehin ist Kapitalismus ja so schrecklich komplex, dass es keine einfachen Antworten geben kann.“

Gegendarstellung: Ja, Kapitalismus ist komplex und eine umfassende Kapitalismuskritik beinhaltet natürlich mehr als der Blick auf das Geldsystem. Genau genommen sind Kapitalismuskritik und Geldsystemkritik sogar zwei verschiedene paar Schuhe: Während die klassische Kapitalismuskritik – ausgehend von Marx – den Blick auf die Wirtschaftsordnung und auf die Eigentumsverhältnisse der Produktionsmittel richtet, thematisiert die Geldsystemkritik die Ungerechtigkeit und Fehlerhaftigkeit des Geldsystems. Beides muss nicht in Konkurrenz zueinander stehen – lässt sich sogar verbinden, worin im Übrigen der Königsweg einer umfassenden Systemkritik besteht. Menschen, die die Keule der „Verkürzten Kapitalismuskritik“ schwingen, haben meist etwas Wesentliches nicht verstanden: Den Unterschied zwischen notwendiger und hinreichender Bedingung. Soll heißen: Ein demokratisches, gerechtes Geldsystem ist für eine funktionierende Demokratie von Nöten, es ist aber nicht das einzige derzeitige gesellschaftliche Subsystem das umkonstruiert werden muss. Dies wird aufgrund falscher Rückschlüsse oft nicht verstanden oder ausgeblendet.

Unterstellung falscher Aussagen, zum Beispiel: „Ohne Geld geht es nun mal nicht“, „Das Wesen des Geldes wurde nicht vollständig erfasst“, „Man kann den Zins nun mal nicht abschaffen“, „Das ist nicht realistisch“, etc.

Gegendarstellung: Derlei Einwände werden in der Regel von Menschen formuliert, die sich nicht mit den Ausgangsargumenten der aufgeklärten Geldsystemkritik auseinandergesetzt haben. Diese lauten im Kern, wie schon erwähnt, und unter anderem hier näher dargestellt: Im bestehenden Geldsystem führt das undemokratisch verteilte Recht der Buchgeldschöpfung in Verbindung mit dem Zinseszinseffekt zu massiver Ungerechtigkeit. Außerdem müssen die Geldmengen mathematisch bedingt ständig steigen, was – da es sich um zwei Seiten derselben Medaille handelt – auf der Gegenseite zu exponentiell steigenden Schuldenständen führt.

Nun ist der nahe liegende Schluss daraus, zunächst einmal ein Geldsystem – also ein Bezahlsystem für Handel – zu etablieren, das diese Fehler nicht in sich trägt. Es gibt zwar auch Ideen geldfreier Kooperationsgesellschaften, jedoch muss durchaus bezweifelt werden, dass die Menschheit schon zu so einem Modell fähig wäre.

Auch gilt: Ein fertiges Alternativsystem existiert derzeit noch nicht. Der Vorwurf, alternative Ansätze seien unrealistisch, greift deshalb nicht. Denn eben jene Ansätze müssen erst einmal entwickelt werden. Hierzu bedarf es einer ernsthafteren, gesamtgesellschaftlichen Geldsystemdebatte, aufbauend auf den rudimentären Vorschlägen, die es bereits gibt. In jedem Fall lohnt sich die Beschäftigung mit den Ansätzen der Vollgeldreform.

Klassische Diffamierungen: Bei Geldsystemkritikern (dann auch gerne wieder „Zinskritiker“ genannt) handele es sich stets  um „Gesellianer“, „Esoteriker“, „Spinner“, „Goldverkäufer“, „Verschwörungstheoretiker“, „Untergangspropheten“, etc.

Gegendarstellung: Besonders der Vorwurf „Gesellianer“  zu sein, wird dabei oft paranoid verbreitet. Was genau ein „Gesellianer“ sein soll, ist dabei meist eher zweitrangig. Aus dem panisch-warnenden Duktus lässt sich allerdings ableiten: Ein „Gesellianer“ muss etwas ganz, ganz Schreckliches sein, wohl so etwas wie eine yeti-artige Kreatur, von Grund auf böse, verklärt, verrückt gar, jedenfalls unbedingt vom Diskurs fernzuhalten.

Zur Einordnung: Bei Silvio Gesell handelte es sich um einen Freiwirtschaftler des  späten 19. Jahrhunderts/ frühen 20. Jahrhunderts, der selbst von John M. Keynes höchste Würdigung erfuhr. Gesell gilt als Ideengeber des „Wunders von Wörgl“, ein recht erfolgreiches Regio-Geld-Experiment aus dem Jahre 1932. Während Gerichte das Experiment bald verboten, wurde Gesell selbst schnell mit kruden Antisemitismusvorwürfen überzogen – alle die es wagten, seine Ideen weiterzudenken oder Gesells Werk zu zitieren ( = „Gesellianer“?) ebenfalls. Diese Keule wird bis heute geschwungen.

Ansonsten ist es natürlich so, dass die Thematik des Geldsystems von den verschiedensten Subkulturen aufgegriffen wird. Die Tatsache, dass dies so auffällig ist, hat aber lediglich ihren Ursprung darin, dass versucht wird, die Problematik aus dem gesellschaftlich-medialen oder gar wissenschaftlichen Mainstream herauszuhalten.

Geldsystemkritik im Zuge der so genannten „Occupy-Bewegung“: Gleich nach den ersten größeren Demonstrationen am 15. Oktober 2011 fiel auf, dass den Demonstranten vorgehalten wurde, sie würden zu einer „verkürzten Kapitalismuskritik“ neigen. Der Beweis: die Demoplakate, auf denen meist nur kantige, undifferenzierte Sprüche vermerkt waren.

Gegendarstellung: Sinn und Zweck von Demonstrationen ist es, gesellschaftlichen Missständen plakativ Ausdruck zu verleihen. Niemand kann von Demonstranten erwarten, Marxens Kapital als Gesamttext auf einem Plakat durch die Stadt zu tragen. Der Vorwurf, auf Demonstrationsplakaten würde verkürzte Gesellschaftskritik geübt werden, ist daher reichlich unkreativ, geradezu verbrämt. Für umfassende Debatten gibt es nun einmal Blogs, Diskurse, Gespräche etc. Umfassende Gesellschaftskritik wurde von Occupy-Aktivisten auch bei der zweiten Demonstrationswelle am 12. November 2011 geübt. Eine Abschrift der „Berliner Rede“ findet sich hier.

Anhaltendes Ignorieren: „Ich warte einfach bis zum Crash und dann regelt sich das schon“.

Gegendarstellung: a) Das Geldsystem kann nicht aus einer inneren Logik heraus crashen, sondern nur, wenn der Bürger ihm das Vertrauen entzieht. Banken können faktisch unbegrenzt neues Geld schöpfen, die korrumpierten politischen Systeme überschlagen sich mit Maßnahmen, um die gigantischen Verschuldungsorgien neu zu verpacken und abermals zu befeuern. Einziger Nachteil: Das Ganze wird immer ungerechter, da das unendlich geschöpfte Zockergeld nun einmal in derselben Währung verrechnet wird, in der Bürger Handel betreiben wollen. Das Ganze wird auch immer undemokratischer, da auf zivilen Widerstand gegen diesen Mechanismus von Seiten des „Systems“ mit autoritären Maßnahmen reagiert werden muss.

b) Es würde zunächst auch erst nur einmal die Währung crashen (oder mehrere). Sprich: Schuldenschnitt, Entwertung von Sparvermögen, möglicherweise Kollaps der sozialen Sicherungssysteme, Währungsreform. Dadurch ändert sich allerdings rein gar nichts am Geldsystem als solchem. Um hier Änderungen zu erwirken, gibt es nur einen gangbaren Weg: Man redet endlich darüber, wie es besser geht!

Der Artikel erschien bereits in abgeänderter Fassung im November 2011 hier: http://the-babyshambler.com/2011/11/29/neues-zur-geldsystemdebatte/

Zum Thema:

- Geld und Geldschöpfung – Einblicke in ein Enteignungssystem

 

2 Antwort auf Neues zur Geldsystemdebatte – Diffamierungen und konstruierte Gegenargumente (aktualisierte Fassung)

  1. Prima Artikel, bis auf eine Ausnahme und zwar: Was ist das Geldsystem als solches?
    Gemeint ist wohl das herrschende Geldsystem, wie wir es hier seit langem in den Industrienationen kennen, und was uns halt so gesagt wird – oder auch nicht. Ich weiß nicht, wie das Geldsystem in Vanuatu de facto funktioniert, nur soviel, dass man da auch mit Schweinezähnen oder Geschichtenerzählen zahlen kann. Aber das nur nebenbei.
    So ein sogenanntes Geldsystem ist nicht aus dem Nichts heraus einfach so entstanden, sondern es wurde von Menschen geschaffen, und zwar von Geldbesitzern (Geldschaffern) und Bankern (Geldhändlern). Von Zentrifugal- Effekt kann nicht die Rede sein, denn dann würde Geld ja von einem Zentrum innen mehr oder weniger gleichmäßig nach außen verteilt, was offensichtlich nicht der Fall ist. Gemeint ist wohl die mathematische Exponentilalfunktion, die aber auch nur durch den Zinseszinseffekt zum Tragen kommt, Zins alleine müsste noch nicht mal ein Problem sein, wenn man ein paar Änderungen vornähme. In islamischen Staaten gibt es ja religionsbedingt Zinsverbote, so wie es in Europa im Mittelalter auch ein Zinsverbot gab. Wer nun meint, ein bischen Zins könne ja wohl nicht viel Schaden anrichten, sollte mal bedenken, dass wenn Banken Geld aus dem Nichts schaffen und dafür Zinsen einnehmen können, sie jede Geldpolitik ins Schleudern und somit jede Volkswirtschaft in Probleme bringen können. Das herrschende Geldsystem jedenfalls ist eine menschengemachte Konstruktion zur Machterlangung und Ausbeutung der Massen, mathematisch relativ einfach nachzuvollziehen, wenn man die (angeblichen) Unbekannten der Gleichung kennt – ein klassisches Betrugsmodell.
    Wie einfach im Prinzip dieses Modell ist, kann man sehr gut aus folgendem Artikel ersehen:
    http://www.ewk-verlag.de/Ressourcen/Kenawi_Geschichte_des_Geldes.pdf

    Es lohnt sich wirklich beim Lesen durchzuhalten, auch wenn man anfangs meinen mag, viel “Füllstoff” zu erfahren. Spätestens mit dem Zinsverbot im Mittelalter und der Einführung der Wechsel wird’s richtig spannend. Wer etwas Ahnung hat von Wechseln, Buchführung und Erfahrung mit kreativer Buchführung, dem wird es wohl wie Schuppen von den Augen fallen – so simpel. So wie alles, wenn man es weiß.
    Viel Spaß

  2. mein erster Gedanke, uff wieder ein langer @elflorian Artikel. Beim weiteren lesen kam mir doch einiges bekannt vor. Es ist schon wieder ein Jahr rum, seit dem du die erste Fassung schriebst. Lesen lohnt sich!

    Anders beschrieben setzt die Universität (Geldschöpfung) fest, dass 2 von 10 Studenten (Gesellschaft) durch die Prüfung durchfallen MÜSSEN. Was passiert wohl bei den Studenten untereinander? Kooperation oder Konkurrenz? Dabei können mir die Leute gepflegt am A*** vorbeigehen, die sagen: “Es gab und wird immer Verlierer geben, daher ist das nicht so schlimm”.

    Man muss sich das mal vor Augen halten. Wir zahlen durchschnittlich 40% Zinsen auf alles, was der Markt zu bieten hat. Auf Mieten sogar z.T. 70%, je nachdem ob das Haus überwiegend über einen Kredit finanziert wurde. Es findet keine Verteilung von Arm nach Reich statt, vielmehr eine Verteilung von Fleißig nach Faul!

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