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Gelebte Demokratie in Argentinien – Eindrücke zum Dokumentarfilm „Sachamanta“

12. Dezember 2012 in Blog - alle Themen

 

 

 

 

 

 

 

Im Rahmen des neuen Programms „Tatort-Freies Neukölln“ wurde vergangenen Sonntag der Dokufilm Sachamanta vor rund 50 Zuschauern gezeigt. Im Anschluss folgte eine Diskussionsrunde, die tiefe Einblicke in die politische Organisationsarbeit der Kleinbauern des  Movimiento Campesino Santiago del Estero im Norden Argentiniens bot und auch allgemein über den politischen Prozess in Argentinien informierte.

Der Film Sachamanta wurde von dem Doku-Film-Kollektiv „Kameradisten“  realisiert, wie auch der geplante zweite Teil der Doku finanziert sich die Arbeit aus Spenden und Zuwendungen, die das Kollektiv weiterhin erfragt.

Im Zentrum der dreiviertelstündigen Dokumenatation steht die kleinbäuerliche Bewegung in der Region Santiago del Estero, die sich seit nun mehr 20 Jahren mit zunehmendem Erfolg gegen Landraub und Vertreibung durch Großgrundbesitzer und gegen mafiöse Strukturen aus Politik und Wirtschaft zur Wehr setzt.

Was als Zusammenschluss aus der Not heraus begann, ist längst zu einem konstruktiven Kollektiv herangewachsen. Neben gegenseitiger Bildungsarbeit, der Abwehr von Versuchen zur Inbesitznahme von Land und der alltäglichen Solidarität, macht die Bewegung vor allem dadurch auf sich aufmerksam, dass sie vor einigen Jahren begann ein eigenes Mediennetz aufzubauen. Insgesamt fünf Radiostationen betreiben die Campesinos heute, darunter auch eine vollkommen solarbetriebene Anlage.

Hört man die Menschen der Bewegung über ihr Radioprojekt sprechen, werden unübersehbar Parallelen zur hiesigen politischen Protestarbeit sichtbar. Viel mehr als in unseren Breitengraden, scheinen die argentinischen Kleinbauern jedoch verstanden zu haben welche enorme Relevanz der Aufbau und die Benutzung autarker Medienkanäle für die politische und wirtschaftliche Emanzipation hat.

Während es hier so mancher Aktivist vorzieht weiter Datenkraken wie facebook zu füttern – und diese Systeme damit immer wieder reproduziert, sprich: ihnen erst die gesellschaftliche Stellung verleiht die sie dann haben – wird im Blick auf Argentinien sofort klar, dass es so nicht geht.

Eigene, dezentral organisierte Medien sind – das wird in jedem der Interviews, die der Film in einer wunderbaren Anreihung von Eindrücken bietet – der Kern jeder Gemeinschaftsbildung und der Schlüssel zur Erreichung echter Autonomie.

So wundert es auch nicht, dass derartige Medienprojekte – hier wie dort – teils üblen Sabotageakten ausgesetzt sind. Zwar erzählt der Film Sachamanta im ersten Teil nicht von diesen Schattenseiten des politischen Kampfes, im anschließenden Gespräch bot das Team der Kameradisten jedoch umfangreiche Zusatzinformationen zu diesen Fragen.

Der Film selbst verzichtet auf Kommentare, bietet nur O-Töne und ist dadurch in einer besonderen Weise sehr authentisch. Die vielen Stimmen die zu Wort kommen, zeichnen ein Bild, das weit über das hinausgeht, was man anfangs vielleicht mit einem bäuerlichen Radioprojekt assoziieren mag.

Schnell wird klar: Die Radiostation sind nicht nur sozialer Treffpunkt, die Programme dienen nicht nur zum Erhalt von Traditionen und der Förderung lokaler Musik; die Radiostationen sind auch ganz konkret friedliches, aber wirksames Kampfmittel gegen Vertreibung und Landraub.

Sei es als Schulungswerkzeug zur Aufklärung der eigenen Rechte, für Aufrufe zu Demonstrationen, zur Ankündigung von Versammlungen oder aber auch zur Informationsweitergabe darüber, wo auf den weitläufigen Ländereien wieder Zäune errichtet wurden, die den späteren Landraub an den Kleinbauern legitimieren sollen.

Die Radiostationen des Movimiento Campesino Santiago del Estero erfüllen vielerlei Funktionen. Immer jedoch wird klar: Übergeordnet bedeutet dies die Überwindung von Isolation der wehrlosen Einzelnen und der Zusammenschluss zu einem wehrhaften Kollektiv, als welches man in der Lage ist Politik aktiv mitzugestalten.

„Vernetzt euch!“, würde man bei uns wohl sagen.

Wenig überraschend ist zudem, dass die portraitierten Kleinbauern sich als politisch weitaus bewusster zeigen, als man es aus mitteleuropäischen Aktivistenkreisen gewohnt ist. Dies gilt sowohl für die Konsensorientierung in Abstimmungsfragen, der Erkenntnis davon in welcher Form die Dinge zusammenhängen, wie eigenes konstruktives Handeln aufsummiert zu sozialen Verbesserungen führt, und wie genannt auch in Bezug auf die Relevanz eigener Medienprojekte.

Kritisch wäre am DokufilmSachamanta“ allenfalls anzumerken, dass die oft eher ärmlichen Bilder, die der Film zeigt, von dieser Form der sehr hohen Entwicklung in den Köpfen der Menschen, ablenken. Hört man allerdings wirklich zu, besteht die Gefahr hier aufs eurozentristische Glatteis zu geraten eigentlich nicht.

In jedem Fall sind sowohl die Projekte der Kameradisten und natürlich auch die Arbeit des Movimiento Campesino Santiago del Estero unterstützenswert.

Der Film Sachamanta läuft in Kinos, Kulturhäusern, Clubs, an Unis und in Schulen. Eine Liste mit Aufführungsterminen findet sich hier: http://kameradisten.de/sachamanta/ (Nächster Termin: 13.12.2012 in Berlin)

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Die nächste Veranstaltung „Tatort-Freies Neukölln“ bietet einen Dokufilm mit anschließender Diskussion zum Demokratisierungsprozess in Island (16 Dez 2012, 20:15 – 21:45, Freies Neukölln Pannierstr. 54 12047 Berlin): http://www.alex11.org/events/dok-film-pots-pans-and-other-solutions-von-miguel-marques/

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