Die Revolutionäre Bewegung in Deutschland – Zustandsbeschreibung und Analyse

12. August 2012 in Blog - alle Themen

Die Aussenwirkung von Occupy hat zu viele Menschen angezogen, die neben ihrem Protest, Ihrer Empörung ihrer Wut hinaus, leider keine Bereitschaft zur Versöhnung, Eigenverantwortlichkeit, Toleranz oder Empathie mitgebracht haben. Leider auch viel zu wenig Liebe und menschliche Nähe.

Anstatt einem Bewusstsein von Gemeinschaft (We are the 99%) werden nach den Demonstrationen und Aktionen gegen den Kapitalismus bzw. die Mächtigen, das Bankensystem bzw. die Bänker, die Austeritätspolitik bzw. die Politiker, gegen den Krieg bzw. gegen die Industriellen und die Finanziers und Waffenhändler, gegen die EU / Globalisierung bzw. gegen die Spekulanten und Händler, etc. immer wieder einzelne Menschen oder Gruppen (“Ihr”) als verantwortlich und als schuldig markiert – anstatt endlich zu erkennen, dass das System und seine vielen kleineren und größeren Zahnräder sich längst verselbstständigt haben (The Monster Machine) und die Menschen darin in unsoziale, unmoralische und “unmenschliche” Wesen verwandelt hat.

Vielen Aktivisten ist bewusst, das die Systeme und Apparate das Problem sind. Zuviele Aktivisten hingegen machen einzelne Menschen bzw. kleine Gruppen verantwortlich und konstruieren aus diesen Menschen Feindbilder. Auch Andersdenkende oder weniger radikal denkende Akteure (NGO Ehrenamtliche und Vollzeitler, Gewerkschaftler, Journalisten, Blogger) werden immer öfter zu Aussenseitern erklärt…

Obwohl die weltweiten Bewegungen sich zur Gewaltfreiheit bekannt haben. wird verbal ordentlich und sehr heftig angegriffen, beleidigt, diffamiert und es stehen Lügen, Gerüchte und Gewaltandrohungen auf der Tagesordnung.

Der Protest nach aussen, richtig sich immer öfter nach innen.

Es haben sich Lager gebildet und es wird mit harten Bandagen bis hin zu ganz miesen Tricks gearbeitet. Und es mischen jede Menge Gestörte und Agitateure mit, die das Ganze nur noch weiter anheizen – teilweise bewusst aus Schadenfreude heraus oder unbewusst weil sich Angst und Empörung sehr ungesund mischen und zur Paranoia und Aggressionen mutiert sind.

Die Gemäßigten halten sich zu oft raus, haben aufgegeben. Weder ihre mahnenden Worte, persönliche Betroffenheit mit Bitte um Unterstützung oder Ihre klaren Hinweise auf demokratische Werte und ein menschliches Miteinander sind gehört worden… noch haben ihre Versuche Respekt, Sachlichkeit und Umgangsformen in den Gruppen zu etablieren etwas gebracht… Die Bewegung ist handlungsunfähig geworden.

Aus den Demonstrationen, Camps und später aus den Asambleas heraus, dann in die Arbeitsgruppen, – als auch das nicht mehr ging – vor lauter Streit und Machtspielen – dann wurde in die virtuellen Netzwerke (wo sich schneller Cliquen und Gleichgesinnte bilden und auflösen lassen, als im realen Leben mit realen Menschen und echter Kommunikation) – immer weiter hat sich alles aufgeteilt und zersplittert in kleinste Gruppen und Grüppchen. Nun gibt es kaum noch schlagkräftige Gruppen. Nur noch vereinzelte Grüppchen, die kaum noch was bewegen können…

Da sind die Aussteiger, die aufs Land rausziehen und die von denen man nie wieder was gehört hat.
Dabei sind auch viele, die sich verletzt und gefrustet zurückgezogen haben, weil sie zu oft angegriffen oder beleidigt wurden.

Da sind die Halbstarken, die Trolle, diejenigen, die sich nur ihren Spaß machen oder aus Provokationen und ihrer Schadenfreude die Zeit vertreiben. Dieser Gruppe ist nichts heilig – ausser ihrem Fame und ihrer Coolness – sie fühlen sich als Checker, als die Überlegenden – dabei wenden sie jede Menge mieser Tricks an – besonders auf Facebook wo sie sich hinter Falschen Namen verstecken und sich an nichts mehr gebunden fühlen – sie hallten sich an keine Regeln und scheuen sich auch nicht, demokratische Grundrechte und -werte mit Füssen zu treten. Sie agieren aus dem Unbekannten. Keiner kennt sie persönlich.

Dann gibt es die Wegschauer, die Ignoranten, die Unsolidarischen, die Raushalter, auch die Feigen und die Ängstlichen, alle die nichts unternehmen oder nur halbherzig oder sich einmal getraut haben und nun nicht mehr, weil sie eingeschüchtert worden sind. Es sind auch die Mitläufer und die Bedrohten, die von den aggressiven Akteuren mundtot gemacht wurden.

Es gibt wenige, die immer noch für Gerechtigkeit, Fairness, Respekt, Demokratie und ein freudiges Miteinander einstehen… nur sind es viel zu wenige.

Wir sehen innerhalb von Occupy, EDJ und den Indignad@s viel zu viele Splittergruppen und Cliquen, die sich teilweise nur noch bekämpfen. Das ist teilweise übel… es geht nicht mehr um die politische Arbeit, es geht darum Macht zu vergrößern und seinen Einfluss und sein Gang zu vergrößern. Es wird kaum noch miteinander gearbeitet.

Und die Gruppe der Aktiven, der Macher, die immer noch auf die Straße gehen oder Projekte organisieren – selbst die haben sich klammheimlich in immer kleinere Grüppchen – alle mit unterschiedlichen Ambitionen, Taktiken und mittlerweile Strategien – das die auch nicht mehr zusammen arbeiten – sondern sich fachlich, sachlich, zuständigkeitsbezogen oder Ideologiebezogen bis hin zum Dogma gegenseitige und kreuz und quer das Leben zur Hölle machen und sich gegenseitig bremsen und ausbooten…

Was ist übriggeblieben?

Ach ja, die Agenten, Medienbeauftragten und V-Leute… nur eins zu Euch: Glückwunsch! Eure miese Mission ist fast erfolgreich abgeschlossen. Revolution im Keim erstickt. Spaltung ist erreicht worden.

Dann bleiben noch die Antideutschen, die Reichsdeutschen, die Monarchisten, die Querfrontler, die Tea Party, die EU-Gegner und D-Marktbefürworter, die Sarazins, die Coaches, die Berater, die Blogger, die Infokrieger, die Investigativen, die Themenfremden Wichtigtuer und Autoren ohne Leser, die Karrieristen, die Reformer, die Parteien und NGO’s, die Vereine und Theoretiker….

..und die bekämpfen sich auch kreuz und quer um Deutungshoheiten, Einfluss, Mehrheiten, Adminposten, Fame und Stimmen / Fürsprecher. Oder erzeugen so viel Nebel. dass ein gezieltes und ungestörtes Miteinander und Teamarbeit fast unmöglich wird.

Viel zu viele wollen Recht haben, bewerten immer noch andere und vergessen sich selbst mal zu spüren oder zu reflektieren – zu viel im Kopf – zu wenig Herz und viel zu viel Wut in den vielen Menschen, die verlernt haben miteinander Mensch zu sein.

Ich kann nur hoffen, dass Etliche jetzt aktiv werden, aufwachen und sich engagieren: für demokratische Grundwerte, für ein friedliches und freundliches Miteinander, eine konstruktive Streitkultur und für einen Gemeinschaftssinn.

Jetzt ist die Zeit, sich für Menschenrechte einzusetzen, mitten unter uns sind diese Rechte in Gefahr!

Weil die Systeme und Apparate uns alle langsam kaputt gemacht haben und uns immer mehr unsere Menschliche Natur geraubt und zerstört wird – dies passiert nicht nur im Aussen – sondern auch im inneren: viel zu viele sind Opfer dieser Gesellschaft und sind Versehrte aus zu vielen Jahren Krieg im Kapitalismus, es gibt zu viele, die nicht mehr können, weil sie sich zu lange schützen mussten und nun viel zu schnell reagieren, mit Angst und Panik – mit Aggression, weil sie selbst viel zu lange schon missbraucht werden und kaputt gegangen sind, zu viele haben ihre Gefühle abgeschnitten, weil sie das Leid nicht mehr ertragen haben…. und viele glauben nicht mehr an den Frieden und die Liebe. Viel zu viele glauben, sie müssen ihre Feinde erledigen und in den Krieg ziehen, um ihre neue dogmatische Welt aufzubauen, durch Krieg gegen alle Anderen.

In den 60er hatten wir in Deutschland, irgendwann – nach den friedlichen Protesten und der APO-Arbeit – irgendwann hat sich – durch Provokationen und Aufträge der Geheimdienste – damals wurde die RAF gegründet und auch viele Aktivisten waren zur Gewalt bereit. Steine und Bomben.
Damals wurden die Linken zu den Entführern, den Folterknechten und letztendlich zu den Mördern, die den ersten “War on Terror” ausgelöst haben. Die Demonstranten und Revoluzzer wurden zu den faschistischen Monstern, gegen die sie sich am Anfang aufgelehnt hatten…

Geschichte wiederholt sich…. an diesem Punkt sind wir. Leider.

Wenn Du immer wieder zu schaust, ohne Deine Stimme zu erheben – mit Verständnis und dem Wunsch nach Frieden. Wenn Du weiter schweigst, wenn Unrecht geschieht, dann kann auch Dir einmal Unrecht widerfahren und keiner hilft Dir. Du musst Dich einsetzen, für die Werte die diese Welt wirklich und nachhaltig verändern können.

Nach dem Protest, nach dem Ende des Systems werden wir eine neue Welt aufbauen müssen.

Entscheide Dich bitte heute schon dafür diese friedliche, ehrliche und faire Welt – wir müssen diese Welt jetzt schon aufbauen.

Ein neue Welt in der jeder Mensch die selben Rechte hat: Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit!

In diesem Sinne: Eine bessere Welt ist anders!

Florian Z. Raffel

https://www.facebook.com/florian.zacharias.raffel?sk=notes

8 Antwort auf Die Revolutionäre Bewegung in Deutschland – Zustandsbeschreibung und Analyse

  1. Mit den Gefühlen von Verzweiflung, Enttäuschung, dem Zorn und der Angst, die ich in deiner Beschreibung lese, gehe ich, was meine derzeitigen Gefühle für die Gesamtbewegung anbelangt, ziemlich d’accord.

    Ich für mich selbst komme nicht umhin, ständig zu realisieren, dass und wie blockiert ich inzwischen innerlich der Bewegung gegenüber bin.
    Aber es ist ja nicht wahr, zu sagen: die Gesamtbewegung.
    Es sind ja die (wir) Menschen, es waren zwischenmenschliche Erfahrungen, die mich deprimiert, geschwächt, enttäuscht, verletzt und desillusioniert haben.
    Auch solche mit dir, wo ich die Diskrepanz zwischen deinen Worten mit deinen Handlungen nicht zusammen bekomme, mehr als einmal aufgeschrien habe: Wo ist die Selbstreflektion?

    Ich vermute, so geht es gerade vielen von uns mit vielen.

    Ich möchte darum deinen Text erweitern um die Frage:
    —> Was können WIR tun? <—

    Ich würde gerne zusammen darüber nachdenken. Zusammen mit allen, die auch noch oder wieder an ein -zusammen- glauben wollen, aber gerade auch nicht wissen, wie wir dahin kommen können.
    Und ob das überhaupt (noch) möglich ist. Wenn ich z.B. bei mir selbst merke, dass da Grenzen sind gegenüber manchen, deren Verhalten ich als so zerstörerisch empfunden habe, dass ich mich schützen, dauerhaft fernhalten will.
    Und gleichzeitig Ausschluss wie Austritt nie als konstruktiv empfinde.

    Können wir was tun?
    Auskotz- Asambleas? Ausrasten? Aufarbeitung der Konflikte? Kollektive Reflektion? Mediation? Meditation?

    Ich würde so gerne statt -gegeneinander-, -miteinander dagegen-.
    Ich brauche so sehr: REVOLution.
    Wir schaffen das nur -Zusammen-
    oder?

    Ps: Facebook: Wie wärs mit kollektiver Ablösung jetzt sofort?

    • Hallo RZB,

      Ich freue mich, dass Du auch Gedanken einbringst und teilst. Das ist ja mein Wunsch, mit meinem subjektiven Artikel auch andere Sichtweisen auf das “wir” zu aktivieren – und natürlich mit dem Wunsch, dass wir alle daran teilhaben, uns selbst und die Bewegung wieder mit Leben zu füllen ;)

      Da ist für mich kein Unterschied zwischen „der“ Bewegung und den unzähligen Verbindungen zwischen allen Individuen, die sich der Idee der Bewegung zugehörig fühlen, es ist ein komplexes Netzwerk von Menschen, die zusammen einen „Körper“ bilden, in dem alle Gefühle, Ideen und Handlungen eingehen und wirken.
      Und nach dem Gesetz der Resonanz gibt es immer wieder Tendenzen – die sichtbaren sind als andere – , und diese Tendenzen sind für mich oft sicht – wenn ich mich frage, wie nehme ich diesen Gruppenkörper gerade wahr. Die Wahrnehmung heute ist sicherlich eine andere als auf der Reichstagswiese oder zur Berliner Demo im Frühjahr…

      Es würde mich sehr freuen, wenn Du mir von Deinen Wahrnehmungen bzgl. “Diskrepanz zwischen meinen Worten mit meinen Handlungen” einmal in einem persönlichen Gespräch (auch gern in einer Runde) erzählen magst. Ich denke, es ist wertvoll sich gegenseitig Spiegel zu geben und dann sich Zeit zu nehmen, darüber zu reden – gemeinsam das individuelle als gruppenrelevant und als gemeinames Lernfeld zu nutzen. Vielleicht ergibt es sich mal.

      Ich mache mir sehr viele Gedanken, aber ich habe noch nicht den Eindruck, dass solche inneren Einsichten hier in der Bewegung einen Schutzraum finden konnten. Gezeigte persönliche Schwächen bzw. Unklarheit und Sensibilität wurde zu oft in Gesprächen von Einzelnen missbraucht und als Einfallstore für persönliche Angriffe genutzt…

      Das ist ja eine meiner Kernkritiken an der Bewegung: zu wenig Bewusstsein für Gemeinschaft und zu wenig Bereitschaft, sich auch menschlich begegnen und bewegen (lassen) zu wollen. Oder besser: ein Apell für mehr Gemeinschaftsbewusstsein und – arbeit. Ich denke, ohne eine innere menschliche Arbeit, werden wir weder nachhaltige Impulse in die Gesellschaft senden – noch Alternativen aufbauen können.

      Das hat sich im Camp gezeigt – es war nicht möglich zusammen in Frieden zu leben.

      Ich denke, es braucht Formen für eine solche Begegnung, mit denen Menchen, wo diese Distanz da ist, Dort wo Konflikt da sind, braucht es ein Ritual eine Technik, um den Konflikt tragen zu können – als Gruppe und eine gemeinsame Bereitschaft, den Konflikt anzuschauen und verändern zu wollen.

      Wir haben zwar den Grundsatz der Gewaltfreiheit bis auf 1-2 Ausnahmen eingehalten, aber in der Kommunikation untereinander wurde sich zu oft im Ton vergriffen und es wurde zu oft sehr gewalttätig gesprochen….

      Die Asamblea reicht da nicht aus, m Konflikte zu lösen. Da braucht es andere Modelle, die der Mediation zum Beispiel. Talking Circle oder auch SD / Forums-Arbeit o.ä.

      Können wir was tun?

      Ja, ich denke wir brauchen dafür Profis. Menschen, die das können, eine Gruppe zu begleiten, mitaufzubauen und zusammenzuhalten.
      Ich lese zum Beispiel gerade das Buch „Gemeinschaftsbildung: Der Weg Zu Authentischer Gemeinschaft von Scott M. Peck (Kostenloses PDF: http://www.eurotopia.de/Gemeinschaftsbildung.pdf) und da wird einfach sichbar: es brauhct viel Erfahrung um das Thema Gruppe und die Bereitschaft eines jeden, sich auf eine gemeinsame Arbeit einzulassen und nicht wie bei uns zu oft…. z.B. zu viele Alpha-Tierchen, wollen die Regeln definieren und wollen die Moderation an sich ziehen…. und sind nicht bereit auf alle in der Gruppe zu achten…

      Und Gruppenarbeit ist ein Prozess, der Zeit braucht und regelmäßige Treffen, denke ich.

      Ich habe z.B. auch sehr gute Erfahrungen mit dem Mediator Richard Schut gemacht, der mit Pierre, Alinka und mir damals kurz vor der BerlinBiennale an einem Dreiecks-Konflikt gearbeitet hat. Das war wunderbar – gab aber leider nur ein gemeinsames Treffen. Das Thema in die Gruppe zu holen wurde auch von der Mehrheit abgelehnt, weil wir ja soviel zu tun hatten mit dem Projekt. ICh denke, das ist ein großer Fehler, die menschlichen Themen immer raushalten zu wollen aus der Projektarbeit – wir sind ja keine Roboter, sondern Menschen. Diese Unterdrückung von Konfliktlösung und das 2unter den Teppich kehren” hat uns innerlich zerfressen – glaube ich. So sitzt mir der Konflikt mit Zoltan immer noch in den Knochen – wie ein Schock, weil wir als Gruppe unfähig waren, hier einen sehr aktiven Mann wieder in die Gruppe zu integrieren…

      Wir brauchen eine rEVOLution.

      Ja, Liebe zuzulassen und immer tiefer zu wagen ist auch eine große innere Aufgabe für mich – da ist mein Kopf oft schon weiter als mein Herz, sich traut ;)

      Wir schaffen das nur -Zusammen- oder?

      …ich hoffe doch. Und ich würde mich sehr freuen, wenn es wieder regelmäßige Gesprächskreise gäbe, die sich auf ein gemeinsames Arbeiten in Form von Reflektion und Erfahrunsberichten einlassen würden. Merke innerlich aber, dass es anstrengend werden kann, wenn wir uns nicht im Vorwege auf Grundregeln einigen, die dann auch eingehalten werden, ansonsten habe ich schon zu oft die Erfahrung gemacht, das Einzelne dann solche Runden einfach sabotieren oder im schlimmsten Fall sprengen.

      Da brauchen wir eine Form von Schutzraum.

      Wer hat dazu Ideen?

      Herzliche Grüße,

      Florian

      P.S.: Was meinst Du mit “Facebook: Wie wärs mit kollektiver Ablösung”? Alle raus aus Facebook?

  2. “Die Revolutionäre Bewegung in Deutschland – Zustandsbeschreibung und Analyse”

    Was? Wo? Revolution in Deutschland? Wurde das Parlament besetzt? Wurden Pläne für die Enteignung der Produktionsmittel und die Machtergreifung durch das Volk erarbeitet? Wurden Kasernen angegriffen? Ist das Volk bewaffnet? Hat sich irgend jemand wirklich damit auseinander gesetzt, was Revolution wirklich bedeutet? Ist irgend jemand überhaupt bereit Verzicht zu üben und die Ärmsten dieser Welt an dem Überfluss teilhaben zu lassen, welchen wir in der westlichen Welt auf Kosten der Anderen jeden Tag genießen? NEIN!!!
    Das Zugpferd der europäischen Revolution ist nicht Deutschland. Wir werden erst aufspringen, wenn das Kapital in Griechenland, Spanien und Italien längst niedergerungen ist.

    • Paul, wie kommst Du darauf, dass bei einer Revolution bzw. in einer revolutionären Bewegung “Kasernen angegriffen” gehören und sich “das Volk bewaffnen” sollte?

      • Wie stellst du dir denn eine Revolution vor, in der das politische System verändert werden soll? 50 Leute ziehen mit einem Megafon vor das Kanzleramt und fordern Mindestlohn für alle und das Ende der Finanzmarktdiktatur von der 50% der Deutschen direkte Vorteile haben? Willst du mit der Polizei weiter darüber diskutieren, ob man ein Zelt auf dem Alex aufstellen darf, während man Kampfpanzer nach Saudi Arabien verkauft, deutsche Soldaten in Afghanistan sterben, Arbeitnehmerrechte ausgehöhlt werden, Löhne ins bodenlose sinken und arbeitslose Menschen dazu gezwungen werden Zwangsarbeit zu verrichten (England- das Model wir aber sicher bald auf weitere EU Staaten ausgedehnt werden)?
        Während in Griechenland, Spanien und Italien schon die blanke Existenzangst vieler Lohnabhängiger herrscht, erwachen in Deutschland gerade einmal die ersten Studenten aus ihrer Komplettversorgungsstase, in der sie durch ihre gut situierten Eltern jahrelang gehalten wurden, nachdem sie Studiengebühren erstmals aus eigener Tasche zahlen müssen. Es ist geradezu lächerlich anzunehmen, dass in Deutschland eine Situation herrscht, welche man als revolutionär bezeichnen könnte, nur weil 1% der Menschen auf die Strasse geht und Parolen ruft. Du willst eine Revolution, aber weist gar nicht was das Wort bedeutet.

        „Eine politische Revolution ist die durch friedliche oder militante Mittel erzwungene grundlegende Änderung einer bestehenden staatlichen Ordnung und ist meist auf die Einführung eines neuen politischen Systems, Staatsform und/oder des personalen Wechsel der Inhaber der Staatsgewalt ausgerichtet. Der Wandel vollzieht sich außerhalb der vorgesehenen Rechtsformen des alten Systems, d. h. nach dessen Definition illegal.“

        Das kapitalistische System steht in Griechenland, Spanien und Italien kurz vor dem Aus. Die Menschen sind wütend, hungrig und zu einem Umsturz entschlossen. In dieser ausweglosen und revolutionären Situation wird man sich bewaffnen, damit man gegen die Staatsgewalt, welche ebenfalls zu allem entschlossen ist, bestehen kann. Deshalb werden Kasernen gestürmt werden, Parlamente besetzt werden und wenn wir Glück haben, dann hat die KKE einen Plan für die Übernahme der Produktionsmittel durch das Volk.

        Was meinst du wird passieren, wenn Griechenland aus dem Euro gepresst wird? Was meinst du wie die Arbeitslosigkeit in Deutschland nach oben schnellt, wenn Spanien im Bürgerkrieg versinkt? Auch dem letzten Verfechter der „sozialen Marktwirtschaft“ wird klar sein, dass wir einem Zerfallsprozeß zum Opfer fallen. Die Lage auf der Strasse wird sich ändern. Nicht 50, sondern 50000 Demonstranten werden kommen. Dann stehen uns nicht Polizisten, sondern Panzer gegenüber. Menschen werden sterben und als Reaktion darauf wird sich das Volk bewaffnen. Kasernen werden angegriffen werden. Schlimme Vision, nicht wahr? All das hat gar nichts mehr mit der lieben Occupy-Romantik zu tun, welche uns einen langsamen und friedlichen Wandel zu einer besseren Welt suggeriert. Die Luftballonrevolution wird es nicht geben, dazu ist die Welt viel zu sehr zerstört und die natürlichen Ressourcen sind fast aufgebraucht. Die Welt steht am Abgrund und wir im Westen sind die Letzten, die von den Folgen noch nicht betroffen sind. Es hat seinen Grund, dass mit dem Einsatz von vielen Milliarden Dollar auf dem Mars geforscht wird.
        Wache auf, lösche das Lagerfeuer und greife nach der Kalaschnikow. Die Evolution des Menschen ist nur über die Revolution des Gesellschaftssystems möglich. Wir müssen aufhören alles nach kurzer Zeit wegzuwerfen…außer dem Kapitalismus! ;-)

        • Paul,

          Deine Aussagen “Du willst eine Revolution, aber weist gar nicht was das Wort bedeutet.” ignoriere ich mal… – lass uns lieber einen respektvollen Dialog führen. Ich möchte gern ein paar Gedanken mit Dir teilen, was ich über Revolution denke….

          Zu Deiner Kernfrage “Luftballons” oder Kalaschnikow: da wähle ich eindeutig die Luftballons – obwohl mir Friedenstauben lieber wären.

          Denn ich glaube an die Kraft und die Möglichkeit einer friedlichen Revolution. In der Geschichte gibt es auch genug Beispiele aus denen wir Hoffnung schöpfen und an denen wir uns orientieren können: 1947 gewaltfreie Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft und Unabhängkeit Indiens, 1974 Nelkenrevolution in Portugal, 1990 friedliche Revolution in der DDR und auch die jüngsten revolutionären Bewegungen in Ägypten und Tunesien haben eben nicht zu einem (NATO)-Bürgerkrieg – wie z.B. tragischerweise in Lybien – geführt.

          Ich kann nachvollziehen, dass Deine – Schreckenszenarien – durchaus im Bereich des Möglichen liegen und das dabei so viel Angst hochsteigt, dass man sich eine Waffe wünscht, um sich zu verteidigen bzw. um das Chaos zu überleben, aber ich bin mir sicher, das wir in Europa, insbesondere durch die schrecklichen Bürgerkriege nach dem Zerfall Jugoslawiens ab 1991 keine Mehrheit mehr in der Bevölkerung und auch nicht in den Machtetagen oder bei Militär und Polizei für Gewalt mit Waffen gehen Bürger und Demonstranten haben.

          Zusammenstöße mit der Polizei (Brockdorf, Revolutionäre 1.-Mai-Demonstrationen in Berlin, Stuttgart21, etc.) kann es immer wieder geben… aber auch hier denke ich, es ist Zeit, dass wir als Bewegung intelligenter passiven Widerstand und Zivilen Ungehorsam entwickeln und durchziehen – ohne immer wieder erneut in die Gewaltspirale einzusteigen, die von der Polizei gewollt und provoziert wird. Gewaltfreiheit wie z.B. in den intelligenten Protest-Aktionen zum G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 sollte uns allen als Beispiel dienen und auch die Castor-Proteste – wo es, genauso wie nach Tschernobyl und Fukushima, zum Schulterschluss mit breiten Schichten in der Bevölkerung kommt. Das muss das Ziel sein.

          Die Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland zeigt auch sehr gut, dass ein langsamer und friedlicher Wandel zu einer besseren Welt möglich ist. Es gab weder einer Anti-AKW-RAF oder einen “ökologischen Bürgerkrieg“ – es hat Zeit gebraucht und es wurden Alternativen entwickelt und aufgebaut. Es war nicht nur der Protest sondern entscheidend der Glaube und die Umsetzung von sauberer nachhaltiger Energiegewinnung und Gemeinschaftlichen Systemen.

          Und das ist auch die zweite Kernfrage: Muss es ein radikaler, spontaner und kompletter Systemumsturz sein? Oder kann es auch eine schrittweise Veränderung des Systems sein?

          Das ökologisch und ressourcen-ökonomisch die Zeit tickt ist bekannt und gibt uns max. noch 5-50 Jahre, in denen der Kapitalismus seinen Raubbau an Mensch und Natur fortführen kann – dann werden allein durch das Ende des Öl-Zeitalters die Welt und die Systeme sich dramatisch verändern – ganz ohne Revolutionsbewegungen.

          Und zu der Frage, ob wir hier schon von einer Revolution oder einer revolutionären Bewegung sprechen können, denke ich eindeutig. Ja. Es sind die Anfänge, es ist der neue Nährboden, es sind die ersten Organisationsversuche, zusammen überhaupt diese revolutionäre Frage zu stellen: Wie können wir den Kapitalismus abschaffen? Die Frage allein ist revolutionär. Weil auch keiner mit Bestimmtheit sagen kann, wie die Welt ohne Kapitalismus aussehen wird. Aber den Kapitalismus insgesamt oder auch nur seine Teilbereiche, wie das Geldsystem oder Subventionen, umfassend in Frage zu stellen, das ist schon revolutionär. Anders als zur Zeiten der Französischen Revolution – aber das ist auch gut so.

          Und entschuldige bitte, aber in Berlin sind schon 5.000 (Umzingelung des Regierungsviertels) und in Frankfurt schon 50.000 Menschen (Blockupy) 2011 und 2012 im Rahmen der weltweiten Proteste auf die Straße gegangen. Auch friedlich.

          Also: ich hoffe, dass Du Dich auch von diesen positiven gewaltfreien Beispielen inspirieren lässt, Paul. Es braucht viel Mut, friedlich zu agieren und es ist eine viel höhere Aufgabe an jeden einzelnen – eben nicht Gewalt anzuwenden.

          In diesem Sinne, wünsche ich Dir, dass Du in einem Lagerfeuer eine uralte naturverbundene Kraft erkennen kannst, die dem Menschen schon seit Jahrtausenden Wärme, Gemeinschaft und Inspiration geschenkt hat.

          Mögen uns alle Kräfte und Menschen unterstützen, den Zusammenbruch bzw. den Wandel oder sogar die Revolution friedlich zu gestalten. Denn auch der Polizist oder der Soldat sind Menschen, der von System missbraucht werden. Beide sind nicht unsere Feinde.

          Ich wünsche Dir auch, dass Du erkennst, dass es nicht einen Weg, eine Lösung oder ein neues Konzept geben wird. Der Mensch ist ein Individuum und was für den einen “richtig” ist, passt eben nicht für den Nächsten. Es ist die Vielfalt, die Einzigartigkeit eines jeden Menschen, die unsere Kulturen hervorgebracht hat und auch unzählige Formen des Zusammenlebens.
          Der Kapitalismus war ein Versuch die Menschheit gleichzuschalten – schon aus diesem Grund scheitert dieses System. Und ich arbeite daran, dass es möglichst wenig Leid in den Zeiten geben wird, die uns allen bevorstehen.

  3. Eine Antwort auf Facebook von RL, die ich hier gern auch lesbar machen möchte:

    In meinen Augen war Occupy schon immer sehr heterogen. Was ursprünglich als Stärke betrachtet wurde, hat sich als Schwäche herauskristallisiert.

    In meinen Augen scheiterte Occupy daran, eine Idee zu entwickeln. Verstehe mich nicht falsch, es gab viele gute Ideen (aber auch viele schlechte). Gegen den Kapitalismus in seiner jetzigen Form zu sein, ist das Eine, aber eine alternative Gesellschafts- und Wirtschaftsform zu entwickeln, das andere.

    Es ist einfach, aus der eigenen Lebenserfahrung heraus zu sagen: “Ich bin dagegen.” Schwierig wird es, wenn ich einen in sich schlüssigen Gegenentwurf formulieren muss. Hier fehlte imo der die Bereitschaft, sich Zeit zu lassen. Zeit zu lassen dafür, dass einzelne intellektuelle Defizite beheben können. Zeit für Entwicklung und Diskurs. Wie du richtig schreibst, fehlte auch die Bereitschaft. Die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören.

    Das ist allerdings bis zu einem gewissen Grade auch nachvollziehbar. Ich weigere mich mit Leuten an einem Tisch zu sitzen oder zu diskutieren, denen ich eine latent faschistoide Ideenwelt unterstellen muss. Damit meine ich ausdrücklich nicht dich, denn erstens kennen wir uns nicht persönlich und zweitens habe ich bei den Stellungnahmen, die ich von dir gelesen habe, niemals den Verdacht gehabt. Wenn auch deine Quellen manchmal etwas dubios waren. ;) (Wenn mein, zugegebenrmaßen unaufgeräumtes, Oberstübchen mich nicht täuscht, hast du hier auch schon zu VT-
    oder Chemtrail-Seiten verlinkt. Falls nicht, mea culpa).

    Zurück zum Thema: In deinem Artikel schreibst du über Demokratie und Menschenrechte. Sehr schwammige Begriffe. Und das ist die Crux. Ich verstehe unter Demokratie unter Umständen etwas anderes als du. Ein Chinese fängt mit den Menschenrechten westlicher Prägung nichts an. Damit bekommen wir eine heillose Begriffsverwirrung. Zur Definition dieser Begriffe braucht es Diskussionen und, wie oben erwähnt, Zeit. Diese war bisher nicht vorhanden. Die Diskussionen wurden geführt, d’accord. Nur hatte ich manchmal das Gefühl, dass keine Rücksicht auf diejenigen genommen wurde, für die Occupy die erste politische Erfahrung war.

    Und damit bin ich beim Ton. Sicher, für eine schlechte Kinderstube, sind überwiegend die Eltern zuständig. Das entschuldigt jedoch nicht persönliche Angriffe. Wenn ich jemanden für ein Arschloch halte, sage ich ihm das persönlich, veröffentliche dies aber nicht im Internet. Ich habe mich erschrocken, als ich in die von dir verlinkten Threads geschaut habe. Gift und Galle wurden versprüht. Das ist nicht akzeptabel. Wie gesagt, es gibt auch noch eine analoge Form der Kommunikation. Oder für diejenigen, die das nicht mehr kennen die PN. Die Veröffentlichung von Diffamierungen ist jedoch widerwärtig.

    Occupy ist gescheitert. Nicht ganz, denn es hat bei vielen die Sinne geschärft. Künftig lassen sie sich nicht mehr mit ein paar wohlklingenden Worten beruhigen, sondern stellen eine ganz einfache Frage: “Warum?” Und mit diesem kleinen Wörtchen wurde schon oft die Welt fundamental verändert.

    Ich wünsche dir, dass du dir den ganzen Stress nicht zu sehr zu eigen machst.

  4. Es geht auch um die Aussenwirkung. Welchen Eindruck macht das bitte, wenn so viel Feindseeligkeiten und üble Gerüchte unkommentiert auf FB stehen…
    Wie ernst zu nehmen sind die Transparente und die Kritik am System, wenn wir untereinander anscheinend keinen Wert auf Respekt und Menschenrechte legen, wenn wir selbst unfair miteinander umgehen und es zulassen, dass demokratische Grundwerte mit Füssen getreten werden – mitten in der Bewegung?

    Und ja es ist absolut meine Motivation auf Missstände hinzuweisen, damit wir sie beseitigen können und etwas Positives und Konstruktives aus der ganzen Sache lernen.

    Habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir die innere und äußere Welt und auch die Welt unserer Bewegung besser und anders gestalten können – gemeinsam!

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