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Vom Arabischen zum Mexikanischen Frühling: #yosoy132

13. Juni 2012 in Blog - alle Themen

Es sollte wohl ein normaler Wahlkampfauftritt werden, als Peña Nieto, Präsidentschaftskandidat der PRI, in Mexiko am 11. Mai an einer Podiumsdiskussion in der hoch angesehenen Iberoamerikanischen Universität teilnahm. Zwar gab es angesichts der Vergangenheit des Kandidaten und der Partei, die er vertritt, heftige Proteste der Studierenden, doch in den Medien war davon anschließend kaum etwas zu finden. In einigen Berichten hieß es sogar, bei den Störern habe es sich um Personen gehandelt, die gar nichts mit der Universität zu tun hätten. Einige politische Akteure, wie man bei globalvoices  nachlesen kann, bezeichneten die Studenten gar “als ‘porros’ (Jargon für die Bezeichnung von Mitgliedern faschistischer Organisationen, die Gewalt nutzen, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen) oder ‘Rowdy’.” Das wollten die Studierenden nicht hinnehmen. Einige von ihnen drehten als Antwort ein Video mit dem Titel “131 Studierende der Ibero antworten”, in dem sie ihre Studierendenausweise zeigen und ihre Immatrikulationsnummer vorlesen.

Mit Tweets wie

131 Studenten der Ibero, aber wir sind mehr, die genauso fühlen, schließt euch an #somosmasde131. Ich bin die 132. Und du, schließt du dich an?

verbreitete sich das Video und die Nachricht über den tatsächlichen Hergang der Ereignisse wie ein Lauffeuer durch Mexiko. Mittlerweile hat das Video über 1 Mio. Klicks. Binnen kürzester Zeit wurde #yosoy132 einer der meistgenutzten Twitter-Tags in Mexiko.

Schon wenige Tage später, am 19. Mai, wurde die erste große Protestdemonstration in Mexiko City organisiert. Sie richtete sich gegen die allgegenwärtige Manipulation der Massenmedien, nicht nur im Präsidentschaftswahlkampf, und gegen den Präsidentschaftskandidaten der PRI, Peña Nieto. Und natürlich ging es bei den Protesten auch um grundsätzliche Fragen der Gesellschaft weit über den aktuellen Anlass hinaus wie der nach Demokratie und einem Leben in Würde. Die Studierenden zogen vom Zocalo, dem großen zentralen Platz in der Mitte der Stadt zum Ángel de la Independencia (Engel der Unabhängigkeit).

Zwar gibt es in Mexiko im Prinzip Pressefreiheit, die wenigen kritischen Zeitungen werden aber nur von wenigen Menschen gelesen. Den meisten fehlt dazu schlicht das Geld, oft aber auch die Bildung. So kommt es, dass das Informationsmonopol bei zwei großen TV-Sendeketten liegt, die für viele MexikanerInnen das einzige Informationsmedium sind und daher die öffentliche Meinung fast nach Belieben beeinflussen können.

Schon wenige Tage später, am 23. Mai, wurde erneut auf die Straße gegangen. Diesmal endete der Protest vor den Studios von Televisa, einer der beiden Fernsehketten, die quasi ein Infomationsmonopol in Mexiko haben.

In Mexiko offen mit einer kritischen Meinung aufzutreten erfordert viel Mut. Seit Jahren tobt ein blutiger Drogenkrieg, dem schon über 40.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Dabei haben sich auch mafiöse Strukturen zwischen Drogenmafia, Verwaltung und Politik gebildet. Besonders gefährdet sind kritische Journalisten, die das zum Thema machen, wie vor kurzem  das vom NDR augestrahlte Magazin ZAPP in einem Beitrag mit dem Titel Mordopfer Journalisten: Neue Brutalität in Mexiko berichtete

Gerade in Mexiko kann aber auch die Studierendenbewegung auf eine lange Tradition großer Revolten zurückblicken, leider aber auch immer wieder mit blutigem Ausgang. Zwei Ereignisse waren dabei besonders markant. Das erste ist das Massaker von Tlatelolco, das sich am 1. Oktober 1968 ereignete, kurz vor Eröffnung der olympischen Spiele in Mexiko. An diesem Tag  schlug eine Spezialeinheit der Armee am Platz der drei Kulturen in Mexiko City die Studentenproteste brutal nieder, in dem es mehrere Hunderte, wenn nicht Tausende Studenten kaltblütig ermorderte. Am 10. Juni 1971 ereignete sich ein ähnlicher Zwischenfall mit dem Fronleichnamsmassaker, bei dem abermals eine Spezialeinheiten der Armee, vom CIA trainiert und als paramilitärischer Verband operierend, auf die erste Studierendendemo seit dem Massaker von Tlatelolco losging und bis zu 120 Menschen ermordete. Bis heute wurde dafür niemand zur Rechenschaft gezogen.

In der heutigen Studierendenbewegung in Mexiko sind diese Ereignisse immer noch sehr präsent. Die bisher letzte große Demo fand letzten Sonntag und damit am Jahrestag des Fronleichnammassakers statt. Wieder wurde in einem großen Demonstrationszug zu Televisa gezogen.

Dort spielte u.a. ein Mariachi-Orchester gegen die Medienmanipulation der Sendekette an.

Peña Nieto, gegen dessen Präsidentschaftskandidatur sich die Demonstrationen im besonderen richten, war in den letzten Jahren Gouverneur des Bundesstaats Mexiko (das ist die Gegend um die Hauptstadt Mexiko Stadt, nicht zu verwechseln mit dem Land Mexiko). Ihm wird insbesondere vorgeworfen, die Aufklärung von Verbrechen durch Polizei und Behörden während seiner Amtszeit als Gouverneur immer wieder verhindert zu haben. Prominent erwähnt wird dabei vor allem ein Vorfall in Atenco. Dort gab es 2006 zwei Tote und 120 Verletzte, als die Polizei gegen Protestierende vorging. Von 47 verhafteten Frauen klagten 26 hinterher, vergewaltigt worden zu sein. Auch Amnesty International ist in der Sache aktiv. Wer Lust hat, noch mehr über Peña Nieto zu erfahren, kann dank eines weiteren Artikels bei Amerika21 über die Präsidentschaftskandidaten mehr erfahren.

Dabei kam vielen von Anfang an seltsam vor, dass dem PRI-Präsidentschaftskandidat seit langem eine besonders vorteilhafte Behandlung der Medien zu Gute kam. Dank dieser galt er bis vor kurzen als uneinholbarer Favorit bei den Wahlen. So mancher munkelte, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zu ginge, Beweise gab es aber keine.

Die Proteste haben aber auch Menschen, die über Insiderwissen verfügen, ermuntert, ihr Schweigen zu brechen. Letzte Woche berichtete der britische Guardian in einem ausführlichen Artikel, dass ihm Excel-Dateien zugespielt worden seien, in denen detailliert Zahlungen aufgelistet sind, die der Kandidat Peña Nieto an Televisa für eine vorteilhafte Berichterstattung geleistet haben soll. Peña Nieto und Televisa dementierten umgehend und sprachen von einem schmutzigen Krieg, für den sich der Guardian entschuldigen solle. Diese Woche konnte der Guardian allerdings gleich nochmal nachlegen und aus durch Wikileaks bekannt gewordenen Berichten der mexikanischen US-Botschaft nach Washington berichten, in denen auch derartige Praktiken beklagt wurden. Wer sich dazu lieber auf deutsch informieren will, kann das in einem weiteren Artikel bei amerika21.de tun.

Von Anfang an gab es Proteste nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in vielen anderen Städten des Landes. Neben Twitter und Facebook gibt es zwei weitere Seiten im Internet, auf denen man sich aus erster Hand informieren kann. yosoy132.mx ist eine Community-Seite ähnlich des Netzwerks n-1 von Occupy. Und unter yosoy132media.org findet man das Mediacenter von #yosoy132, das laufend aktuelle Berichte und Videos verbreitet.

Am 1. Juli finden in Mexiko die Präsidentschaftswahlen statt. Mit dem Video ganz zu Beginn dieses Blogbeitrags bittet uns die Bewegung in Mexiko deshalb, in den nächsten Wochen ganz besonders genau hinzuschauen, was in ihrem Land geschieht.

 

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