Stellungnahme zu einem Text im „occupy-biennale“-Katalog

22. Juni 2012 in Blog - alle Themen

 

(Der Originaltext ist im Anschluss an diese Stellungnahme wiedergegeben)

In besagtem Text wird behauptet, wir hätten Idealismus und Utopien, von denen wir scheiden wie von guten Freunden, nicht mehr nötig. Ich frage mich, wer mit diesem Wir gemeint ist. Scheinbar wird wie aus der Laune eines Autoren heraus der eigene Mangel an Alternativen in die Grundstimmung einer Bewegung (wenn nicht gar der ganzen Menschheit) hinein interpretiert. In meiner Wahrnehmung dagegen wimmelt es ‒ Idealismen und Utopien sei Dank ‒ bei uns überall an Ideen, von Basisdemokratie, Sozialismus, Kommunalismus bis Anarchie (um nur einige zu nennen). Und sie scheinen mir weniger überholt als notwendiger denn je. Alle Religionen und Ismen ‒ wird behauptet ‒ haben WIR überwunden ‒ juhu, dann fehlen ja nur noch der Kapitalismus und der Egoismus. Willkommen in der (schönen) neuen Welt!

In dem Text scheint sich die von „Oben“ gepredigte Alternativlosigkeit durch die Hintertür wieder herein zu schleichen. Wir brauchen angeblich keine anderen Lösungsansätze als „echte reine Liebe, Zuversicht, praktischen Realismus, der die Gegensätze nicht mehr trennt, sondern sie zu ihrer ursprünglichen Einheit verschmilzt damit werden wir was erreichen“. Was will uns der Autor damit sagen? Sollten das (unsere) klare(n) Vorstellungen sein, die Welt zu verändern, sind das meiner Meinung nach trübe Aussichten, und sie klingen wie neoliberales Geschwätz, das die ökonomischen und politischen Gründe für die Probleme verschleiert und genau das süße Narkotikum darstellt, das sich gegen aktiven Widerstand stellt (und das einen Satz weiter unten angeprangert wird). Das klingt wie der Versuch, die Willenskräfte einer internationalen Bewegung, gegen die weltweit unhaltbaren Zustände Widerstand zu leisten, mit dem „schon wahr gewordenen Traum“ eines Einzelnen in Übereinstimmung zu bringen.

Hier wurden meiner Meinung nach bis zur Leere Phrasen gesteigert ‒ die mich zum Stutzen gebracht haben. Soll es dass sein, wofür WIR stehen? Ärgerlich ist die Tatsache des hier verwendeten Wir. Wer hat diesen Text autorisiert, hat überhaupt jemand? Wie kann es sein, dass so ein Text in einer Tausender-Auflage eines Katalogs erscheint, der die occupy-(biennale)-Bewegung repräsentieren soll? Muss man da nicht mit jenem mangelnden Zuwachs der Bewegung rechnen, den wir beklagen?

Würde der Text in einem Blog im „offenen Rahmen“ der occupy-Bewegung stehen, könnte ich noch ‒ wenn auch schwer ‒ darüber hinwegsehen, aber bei dieser Form der öffentlich wirksamen Darstellung fühle ich mich zu einer Reaktion herausgefordert.

Ich frage mich, wie eine zu Konkurrenz und Leistung gedrillte, entsolidarisierte Gesellschaft, die hier einzig angebotene Lösung „praktischer Liebe“ verwirklichen soll, um die Ungerechtigkeit dieses Systems zu überwinden? Echte Handlungen der Liebe und praktische Lebensbejahung werden uns als absolut und einfach angepriesen … Wie geht man mit der Resignation von Menschen um, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, die ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können, und denen diese Tatsachen systematisch als eigenverschuldet „verkauft“ werden? Wie soll man eine sich zersetzende Gesellschaft füreinander solidarisieren, die von der Propaganda der Massenmedien gegeneinander aufgehetzt und entpolitisiert wird? Es grenzt an Zynismus, der wachsenden Zahl an Ausgebeuteten und Unterdrückten Handlungen der reinen Liebe vorzuschlagen. Wollen wir den enteigneten Landbauern, Kinderarbeitern, Flüchtlingen und Boatpeople, den aussterbenden Tier- und Pflanzenarten sagen: Unsere Welt ist unsere Vorstellung, Gut und Böse sind bloß Interpretationen, die der Mensch mit seiner zerteilenden Logik erst konstruiert …?

Je schneller sich hier die Phrasen aneinander reihen, desto träger wird die Masse meines Verstands. Da sind mir die zum Herzen sprechenden Idealisten und „Peacer“, die Pläne schmieden, weitaus willkommener und überhaupt nicht nervig!

Hunger, Landent- und Ressourcenaneignung, Umweltzerstörung, Armut, Depressionen, Kriege, Flucht, Repressionen und Überwachung nehmen ständig zu. Die Menschheit, die im besagten Text frei nach Goethe von einem Licht ins nächste geht, ist wohl an mir vorbeigegangen. Der selbstreflexive Blick des Autors scheint der Leere immer näher zu kommen. (Das kann man im besten Fall buddhistisch auslegen, ist aber so nicht gemeint!) Vielmehr scheint hier ein buntes Nebeneinander goethescher, buddhistischer, nietzschescher und NLP* – Weisheiten verwurstet worden zu sein, die weder substanzielle Lösungsansätze für bestehende Probleme andeuten, noch sich mit deren Ursachen auseinander setzen. Schlimmer noch, es wird ein WIR suggeriert, dessen Traum zur Wirklichkeit wurde! VETO. Auch zähle ich mich nicht zu den „Glückskindern“, deren Zukunftslust aus dem notwendigen Gegenpol negativer Kräfte, sondern aus Freude, Vertrauen, Neugier, Gesundheit und Hoffnung erwächst. Die Rechnung „Je-mehr-Scheiße-wir-erleben-umso-stärker-wird-unsere-Zuversicht“ geht bei mir jedenfalls nicht auf. Der Autor sollte seine kosmologischen Halbweisheiten lieber in anderen Zusammenhängen bemühen.

Es fühlt sich an, als wäre hier mein persönlicher Albtraum aus und zur Wirklichkeit geworden ‒ wenn Einzelne in diesem beispiellosen „Mankind Movement“, dem konstruktiven Kollektiv, ihre Stimme als unser WIR profilieren.

Der Autor sowie die (anderen) Macher des Kataloges wären gut von den Prinzipien und Zielen der Bewegung beraten gewesen, z. B. Kooperation, Transparenz, Rücksprache mit anderen, wenn es darum geht, etwas im Namen der Bewegung zu veröffentlichen (oder nicht in der Wir-Form zu schreiben).

Nervig! (Frei nach Anastropheles)

*NLP = Neoliberale Programmierung ;-)

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Originaltext (mit allen Schreibfehlern übernommen):

„Der Traum ist aus – er wurde zur Wirklichkeit“

Wir haben Idealismus, Utopien, Dogmen und Religionen – die ihre edle Aufgabe ein paar Jahrtausende hinweg erfolgreich erfüllt haben – nicht mehr nötig. Sie hatten ihre Zeit, durch sie sind wir hierhergekommen. Sie waren uns Trost, Mythos, Motivation, Unterhaltung, Erbauung, Inspiration, Lebenskraft und Motor. Wir scheiden von ihnen wie von guten Freunden…

Nun wandelt sich das Paradigma, wir sind in der Epoche des Übergangs. Einstürze, Umbrüche, Zerstörung, Schmerzen der Geburt, sowie Aufbau, Anfänge und Wandel werden unser Zeitalter bestimmen, den archetypischen Geschmack unserer Epoche prägen. Bisweilen werden wir über Schmerzen und Verluste klagen, weil wir nicht immer den „großen Gang der Ereignisse“ erfassen können: Tränen werden fliessen, Menschen werden leiden, Grenzen fallen, Gewichte sich verschieben. Alles transformiert sich, aber nichts verschwindet, es verwandelt sich lediglich, wie die Raupe nicht stirbt: sie lebt im Schmetterling weiter…

Alles in der Welt hat seine Dauer, danach (sowie davor) entfaltet sich eine Ewigkeit ohne das Verschwundene. Ist es deshalb „verloren“, als Verlust einzuordnen? Die Zeit rückt vor, die Welt wandelt sich, die Menschheit „geht von einem Licht ins nächste“(frei nach Goethe). Die Herausforderungen dieses Jahrhunderts sind andere als in denen zuvor, folglich werden wir auch neue Lösungsansätze verwirklichen, um ihnen zu begegnen. Echte reine Liebe, Zuversicht, sowie ein praktischer Realism, der die Gegensätze nicht mehr trennt, sondern sie zu ihrer ursprünglichen Einheit verschmilzt – damit werden wir was erreichen! Nicht aber mit der ewigen hohlen Phrase des “Liebes- und Weltfriedensdogmas“. Sie nehmen sich beide gut aus, auf den ersten Blick, indes bleiben sie in der süsslichen Sehnsucht, dem Wollen stecken. Sie sind ehr ein berauschendes, lähmendes Narkotikum, als eine aktivierende Kraft. (Wer immer über die Liebe schwätzt, wie sollte der sie auch im Alltag, jeden Augenblick leben und verwirklichen können?)

Der anastrophale Wandel der Welt und Menschheit bedarf jedoch zahlloser, dezentraler, praktischer Aktivitäten, welche als Summe die weltweite Veränderung sein werden. Wirkliche Liebe und konstruktiver Positivism sind verschwiegene, grosse Dinge, sie äußern sich selten mit süsslichen Worten. Eher schon mit eindeutigen Taten, die etwaigen Interpretationen entgehen, weil sie nicht bloß von den besten Welten träumen sondern Tat-sachen schaffen, eine mögliche gute Welt selbst bauen! Dies sind die echten Handlungen der Liebe, praktische Lebensbejahung: Sie sind absolut, einfach und wirksam…

Ja, die zum Herzen sprechenden Idealisten, Träumer und „Peacer“ nerven viele begnügen sie sich doch allzu oft nur mit dem Träumen, Pläneschmieden, Phantasieren, während Einsatz, Fleiss, zielorientierte Aktivität nötig sind. Weil sie schlafen, müssen andere über das Maass wachen, damit die „neue Welt“ nicht nur in den Köpfen der Idealisten stecken bleibt, sondern tatsächlich zu unserer Wirklichkeit transformiert werden kann! Dennoch darf man sich von Vorstufen in der Geschichte nicht allzu sehr vereinnahmen lassen – all die vereinfachenden ismen & Schubladen, sie verstellen uns die eigene Perspektive. Außer der verliebten Betörung gibt es auch frische Ansätze, neue Entwickelungen, Beispielloses… Neben den Peacern und Betörten bewegen sich derzeit viele ernsthaft aktive Menschen, Gruppen und Dynamiken die mit Recht ihre Notiz in der Welthistorie verdienen werden! Zum Beispiel dieses in der Geschichte beispiellose „Mankind Movement“ der Schwarm, das konstruktive Kollektiv… oder wie es auch immer genannt werden wird. Das ist was!

„Die Anastrophe“ steht für mich daher für die Kraft des Perspektivwechsels, für Motivation und tüchtige Taten. Schliesslich lässt sich keine neue Erde bauen, ohne ein „olympisches Lächeln.“ (Nietzsche). Wir haben einen konstruktiven Frohsinn nötig, welcher aber die Abgründe zu den Gipfeln nicht leugnet – sondern trotzdem für die Zukunft kämpft!

Wirklichkeit und träumereifreier Aktivismus schliessen sich nicht aus. Aus unseren Gedanken entstehen unsere Realitäten, unsere Welt ist unsere Vorstellung. Wir sind auch deshalb „Glückskinder“, weil wir lieber mit Narben, Wunden, Verletzungen gebrannt sind und dennoch unser Lächeln bewahren, unsere Dynamik und Kraft entfalten. Anstatt genau denselben Zustand, die gleichen Herausforderungen und Aktivitäten mit einer pessimistischen zernagenden Grundstimmung, welche zunehmend schwächt… Doch dies muss keineswegs „optimistische Verklärung“ bedeuten! Schliesslich sind Optimism & Pessimism, wie auch Gut und Böse blosse Interpretationen, die der Mensch mit seiner zerteilenden Logik erst konstruiert. Die Welt ist weder gut noch schlecht – sie ist!

Stärkende Perspektiven, wirklichkeitsfroher, zupackender Konstruktivims – das schon ehr! Deshalb betrachte ich uns alle wahrlich als Glückskinder, trotz Weltkriegen, Gelddiktatur, Atomkraft, Umweltzerstörrung, Gier, Ungerechtigkeiten… Weil gerade diese Dinge uns zu ihren Gegenentwürfen aktivieren. Sie sind im ewigen Spiel der positiven und negativen Kräfte der notwendige, herausfordernde Gegenpol zu unserer Güte und Zukunftslust. Durch sie erst werden unsere Kräfte gefordert und gefördert, durch sie haben wir unser Los, unsere Aufgabe. Sie sind der Tod, das Ende, der Untergang, WIR die Geburt, das Leben, der ANFANG.

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2 Antwort auf Stellungnahme zu einem Text im „occupy-biennale“-Katalog

  1. Danke für deinen Kommentar.
    Ich halte den Verfasser des Textes allerdings für einen großen Künstler, dem es gelungen ist mit sovielen Worten rein garnichts zu sagen.

  2. yann sagte am 24. Juni 2012

    wo gibts denn diesen katalog als pdf zum einsehen?

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