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Occupy B: Debatte zu Verschwörungstheorien

6. Juni 2012 in Blog - alle Themen

Am 2. Juni lief ab 20 Uhr ein Workshop mit dem Titel “Den Kopf entlasten: Kritik anti-emanzipatorischer Positionen in politischen Bewegungen” auf der Biennale-Occupy in Berlin. Im Vortrag sollten laut Ankündigung “Prinzipien anti-emanzipatorischer Theorien, politischer Konzepte und Welterklärungen benannt und dann Beispiele vorgestellt werden, über die jeweils auch kurze Debatten möglich sind” . Nach einer Einführung kam es zu einer an- bis aufgeregten Debatte – bis 3 Uhr nachts.

Der Beginn der Veranstaltung bot eine Überraschung: Offenbar waren weder AnhängerInnen von sogenannten Verschwörungstheorien oder ähnlichen “vereinfachten Welterklärungen”, wie der Referent die verschiedenen Erklärungsmuster von Verschwörungstheorien über Biologismen, Religionen bis zu politischen Populismen nannte, gekommen, noch diejenigen, die z.B. Occupy als nach rechts oder zu Verschwörungstheorien offene Bewegung geißelten. Überwog hier die Angst vor Aufklärung? Oder stellt Nichtwissen eine gute Basis für politische Agitation dar – aus beiden Lagern?

Zunächst berichtete der Referent, warum er sich mit dem Thema befasst hätte. Er sei seit einiger Zeit mit Vorträgen und Veröffentlichungen über Gentechnik-Seilschaften aktiv und hätte dort immer wieder viele Menschen im Publikum, die in der anschließenden Diskussion solche verkürzenden Theorien und Positionen einbringen würden. Die Spanne würde von der Dominanz US-amerikanischer Konzerne oder Geheimdienst bis zu jüdischen Weltverschwörungen oder Holocaustleugnung reichen. Zudem würden die Mitschnitte seines Vortrags bevorzugt auf solchen Seiten verlinkt. Also entschloss er sich, die Auseinandersetzung zu einem Teil seines politischen Engagement zu machen, d.h. jeden Vortrag auch zu einer Auseinandersetzung mit Verkürzungen in politischen Theorien zu machen. Er besuchte zudem Treffen von Zusammenhängen derer, die er kritisierte, um sich selbst ein Bild zu machen statt nur aus dem Hörensagen argumentieren zu können. Ergebnis seien neben der ständigen Intervention und Debatte die Internetseite www.kopfentlastung.de.vu, eine Broschüre und solche Veranstaltungen gewesen wie jetzt bei Occupy B.

Nach diesen Erklärungen folgte eine Einführung in die Mechanismen vereinfachter Welterklärungen und die Kritik anhand von Beispielen, vor allem der Kritik des Finanzkapitals. Die Vereinfachungen würden hier schon bei der – nur über Reduktion der Komplexität möglichen – Einteilung in spekulatives und investives Kapital losgehen, denn tatsächlich würde Kapital immer den Weg der höchsten Kapitalverwertung suchen, egal ob an den Börsen oder in Form von Staudämmen bzw. Panzern. Außerdem würde z.B. die Spekulation mit Immobilien zeigen, dass die Einteilung gar nicht geht. Sie ist aber Voraussetzung, um Bewertungen vom vermeintlich guten, weil schaffenden Kapital sowie dem bösen, weil raffenden Kapitel vorzunehmen. Solche Verkürzungen seien in der Gesellschaft weit verbreitet und die übliche Denkgrundlage für ökonomische Debatten in Teilen von SPD und Gewerkschaften sowie prägend bei Linke, Attac, Campact usw. Das aber seien nur die ersten Stufen von Vereinfachung. Sie ließe sich über verschiedene Zwischenstufen steigern bis zur Behauptung, einzelne Bankiersfamilien (die wie zufällig dann auch noch als jüdisch gekennzeichnet werden) würden die Welt steuern.

Nach der Einführung folgte eine lebhafte Debatte über verschiedene Verschwörungstheorien, bis dann durch die erst in dieser Phase beginnende Teilnahme eines Gläubigen an Außerirdische schon heute auf der Erde (was ja sein kann oder wirr wäre, aber keine Verschwörungstheorie darstellt, weil damit ja kein strategischer Politikansatz verbunden wäre) und seinen missionarischen Sprachstil plus teilweise erregter Gegenreden ein ungeplanter Schwerpunkt hinzukam. Erst gegen drei Uhr nachts verstummten die letzten Debatten in kleinen Runden. Zum Ende gemeinsamen Debattenphase trug der Referent noch eine während des Workshops erstellte und sicherlich unvollständige Liste vor, was alles zu einem kritisch-skeptischen Beäugen aller, auch der eigenen Positionen und Theorien gehören könnte:

  • Werden Quellen genannt? Wenn ja: Welche sind das?
  • Sind Analogien, wenn sie vorgenommen werden, passend? Oder behaupten sie Scheinähnlichkeiten, die sich tatsächlich nicht vergleichen lassen?
  • Welche Interessen bzw. Motive stehen hinter Entstehen oder Verbreitung der Information?
  • Enthalten die Informationen Projektionen, d.h. werden bestimmte Vorurteile oder vorher feststehende Bilder in ein Geschehen hineininterpretiert?
  • Wo sind Zirkelschlüsse da, d.h. wo wird A mit B begründet und dann B mit A?
  • Werden aus Einzelinformationen Verallgemeinerungen gemacht?
  • Werden komplexe Sachverhalte auf einzelne Informationen vereinfacht?
  • Welche Sprache (z.B. zu einem bestimmten Denken drängende Wörter wie “sollst, wirst, ist, wahr, objektiv, bewiesen …”) und welche kulturellen Codes enthält die Information?
  • Ist ein missionarischer Geist erkennbar?

Die ganze Diskussion aber zeigte zweierlei: Erstens ist es wichtig, solche Debatten als kritisch-skeptische Begleitung jeder politischen Aktivität zu führen. Und zweitens war deutlich zu sehen, dass dieses Interesse und eine gewisse Praxis in den Zusammenhängen um Occupy B auch schon existiert. Das sollte weitergeführt werden.

 

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