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Vortrag von Carlos Taibo über die 15M in Spanien

10. Mai 2012 in Blog - alle Themen

Am 7. Mai 2012 hielt Carlos Taibo einen Vortrag über die Bewegung 15M in Spanien in der Universidad de Valladolid. Er bezog sich auf seine Erfahrungen mit der Bewegung in Madrid. Gleich am Anfang betonte er, dass es viele Stimmen gibt und er nur eine unter vielen ist.

Carlos Taibo ist Professor für Politikwissenschaft und Verwaltungswissenschaft an der Universidad Autónoma de Madrid, wo er auch die Programme für neue Technologien im Instituto de Sociología leitet. Außerdem ist er Autor von über 20 Büchern, bei denen es hauptsächlich um die Übergangsphase zur Demokratie des gegenwärtigen Ost- und Zentraleuropas geht.

Die erste Frage, die er in seinem Vortrag stellte war, warum die Demonstrationen am 15. Mai in Spanien so ein großer Erfolg war. Welche Strategien wurden angewendet, um möglichst viele Menschen anzusprechen? Wichtig dabei ist zu wissen, dass es primär Strategien und keine Zufälle waren, die zu so einem großen Andrang geführt haben. Dazu nennt er sieben Punkte:

  1. Für die Organisation haben die sozialen Netzwerke und neue Technologien einen großen Beitrag geleistet und es ist kaum vorstellbar, dass diese Größenordnung ohne diese Technologien hätte erreicht werden können.
  2. Ein Teil der Strategie war es, die Parteien, Organisationen oder Initiativen nicht auszuschließen, aber auch nicht namentlich zu nennen. Jeder durfte als Privatperson teilnehmen, aber auf keinen Fall stellvertretend im Namen einer Organisation.
  3. Die öffentliche Debatte ging primär um ökonomische Themen und 15M schloss eine Lücke, bei der es nicht nur um ökonomische, sondern auch um soziale, ökologische, demokratische und viele andere Themen ging.
  4. Der Bologniavertrag (Privatisierung der öffentlichen Universitäten) führte zu vielen Studienabbrecher, da die Studiengebühren für viele nicht mehr bezahlbar waren. Es brachen reihenweise Zukunftsperspektiven weg, was den Frust über den Status Quo verstärkte.
  5. Die arabischen Revolutionen haben eine große symbolische Rolle gespielt, weil sie aufzeigten, dass auch gefestigt scheinende Diktaturen gestürzt werden können.
  6. Das Datum für die erste Demonstration war perfekt ausgewählt, da sie mitten im spanischen Wahlkampf stattfand. Die Parteien haben in ihren Wahlkämpfen die Themen ignoriert, die die Mehrheit der Bevölkerung für wichtig hielten und 15M brachte die gesellschaftlich relevanten Themen in die Wahlkämpfe.
  7. Bei der Entstehung von 15M spielten auch die sozialen Bewegungen, die schon jahrelange Vorarbeit geleistet hatten, eine große Rolle. Zum ersten Mal arbeiteten diese Bewegungen zusammen und haben sich gegenseitig unterstützt.

Carlos Taibo sprach von zwei Seelen, aus der die Bewegung besteht. Die eine Seele bestehend aus Aktivisten der klassischen Bewegungen, wie Pazifisten, Feministen, Ökologisten, kleine Gewerkschaften, Freiheitskämpfer, Basisdemokraten, Kapitalismuskritiker und anderen sozialen Gruppierungen. Die andere sind die Empörten, die keine Perspektive mehr sehen, obwohl sie sich gut für den Arbeitsmarkt vorbereitet hatten und dennoch keine Arbeit fanden. Beide Seelen verstehen nicht, warum es kein Kriterium für die Führung einer Gesellschaft ist, gut vorbereitet und gebildet zu sein, sondern vielmehr der familiäre Status oder Beziehungen eine Rolle spielten. Beide Seelen vereint, dass sie keine genaue Vorstellung haben, was 15M ist und was daraus werden soll. Sie beschäftigten sich Anfangs mit den Symptomen und blieben thematisch auf der Oberfläche. Erst durch die Zusammenarbeit gruben sie sich tiefer in die Thematiken ein und stießen immer weiter zum Kern der Probleme vor. Wobei die klassischen Bewegungen, im Gegensatz zu den Empörten, schon lange das Vertrauen in die politische Klasse verloren hatten und nicht daran glaubten, dass es reichten würde, Forderungen zu stellen.

Wie hat die Bewegung den öffentlichen Diskurs erzeugt?

Die Bewegung hatte von Anfang an unerwartet viel Sympathien aus der Bevölkerung erhalten. Umfragen ergaben, dass anfangs 60 – 70% der Bevölkerung mit der Bewegung sympathisierten. Die Anzahl nahm in der Zeit zwar ab, aber geriet niemals unter 50%. Man kann also zu keiner Zeit von einer Minderheit sprechen. Sogar 54% derjenigen, die eher konservativ, also die PP (Partido Popular) wählen, waren der Überzeugung, dass diese Bewegung nötig wäre. Insgesamt haben im letzten Jahr über 8 Millionen Menschen ihren Beitrag zu dieser Bewegung geleistet. Vom einfachen Demonstranten bis zum Aktivisten, der seine komplette Freizeit investierte.

Die Mainstream-Medien ignorierten anfangs die Bewegung komplett und gingen zum Angriff über, nachdem die Bewegung eine Größe erreicht hatte, die nicht mehr zu ignorieren war. Genauso verhielten sich die Parteien, die unbeeindruckt ihren Wahlkampf weiter zu führen versuchten. Der gezwungenermaßene Strategiewechsel von Ignorieren zur Attacke brachte der Bewegung, entgegen der Erwartungen, noch mehr Sympathien. Sie versuchten ein Bild zu erzeugen, dass es sich nur um eine Gruppierung handelt, die Feste und Parties feiern wollte, aber diese realitätsfernen Behauptungen machten den letzten stutzig und entfachten weiteres Interesse.

Die Acampadas, also öffentlichen Camps, wurden entgegen der öffentlichen Meinung nicht aufgelöst, sondern lösten sich selbst auf, nachdem sie monatelang gut funktionierten, nachdem klar wurde, dass nun eine neue Phase eingeläutet werden musste. Die großen öffentlichen Versammlungen brachten nur noch wenig Fortschritt und so entschied man sich, lokale Asambleas zu etablieren und sich in kleinen Arbeitsgruppen zu organisieren. Die Zukunft liegt nicht in der Masse auf der Strasse, sondern in lokalen Initiativen, sprich Qualität statt Quantität.

Der Geist der radikalen Veränderung ist bis heute geblieben und es werden sich immer mehr Menschen bewusst, das sie etwas ändern können und sich dadurch vermehrt aus ihrer Ohnmacht befreien. Mit ihren Asambleas entwickelt sich die 15M zu einer neuen Form der Zusammenarbeit, die in vielen Lebensbereichen Einzug hält und dabei die klassischen Formen der gesellschaftlichen Arbeit nicht ausschließt.

Trotz der rückgängigen Zahlen von Teilnehmern auf der Strasse muss man festhalten, dass zum ersten Mal entgegen der staatlichen Gewalt die Leute geblieben sind und ihre Angst überwunden haben. Anfangs waren es hauptsächlich Studenten, die u.a. wegen des Bologniavertrages sehr frustriert waren. Nun hat sich die Situation an den Universitäten verbessert und es finden nun auch Asambleas innerhalb der Universitäten statt. Für die verbesserte Situation ist die 15M nicht unerheblich beteiligt.

Die Arbeiter waren anfänglich nur “Wochenend-15Mler” und merkten aber schnell, dass das zu wenig war und mehr Teilnahme notwendig ist, wenn man etwas verändern will. Der letzte Generalstreik in Spanien wurde erstmals nicht nur von den Gewerkschaften ausgerufen, sondern in Zusammenarbeit mit 15M. Der Einfluss der 15M hat dazu geführt, dass neben dem Generalstreik auch zum Konsumstreik aufgerufen wurde. Durch den ausgestreckten Arm seitens der Gewerkschaften wuchs die Akzeptanz der Arbeiter gegenüber der 15M.

Weiterhin ist die 15M ein Phänomen der Städte und die ländlichen Gebiete bleiben außen vor. Dennoch transportieren die Stadtmenschen, die ihr Lebensumfeld vermehrt auf das Land ausweiten, den Geist der 15M aufs Land.

Innerhalb der 15M hat man verstanden, dass man nicht nur gegen etwas sein oder nur reagieren kann, sondern auch agieren muss. Anstatt sich nur um die Themen der Politiker zu kümmern, müssen eigene Akzente gesetzt werden. Z.B. Rechte der zukünftigen Generationen, Tierrechte oder die Armut in der dritten Welt.

Die Mittelschicht löst sich zunehmend auf und die Aufgabe der 15M ist, die Existenzängste in Aktivismus umzuwandeln, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Das gelingt u.a. indem die unterschiedlichsten Strömungen vereint werden.

Was wird mit der Bewegung passieren?

Nun stellt sich die Frage, ob die 15M so schnell wieder verschwindet, wie sie gekommen ist. Carlos Taibo hält dies für sehr unwahrscheinlich, da er 15M wie ein kleines Pflänzchen betrachtet, das von alleine wächst und nur nicht zertreten werden darf. Innere Spaltungen oder eine Übernahme durch klassische Initiativen hält er dagegen für unwahrscheinlich, weil solche Versuche bisher gescheitert sind. Zudem steht 15M für ein Zivilgesellschaftsbewusstsein, das gerne übernommen werden kann. Es finden immer mehr Aktionen statt, die völlig autark funktionieren und letztendlich indirekt der 15M zuzuschreiben sind. Hier sind Beispielsweise die Aktionen “Yo no pago; Yo no paro” oder “Stop deshaucios” zu nennen.

Entgegen vieler Meinungen hat die 15M schon viel verändert, man muss die Veränderungen nur langfristig sehen.

In jedem Fall kann man sagen, dass die Bewegung die Menschen dazu gebracht hat, viel fundamentaler in Frage zu stellen. Außerdem hat 15M klassische Initiativen beeinflusst, indem nun häufiger Entscheidungen weniger hierarchisch getroffen werden. 15M hat aufgezeigt, dass es möglich ist, etwas zu verändern. Nichts ist unmöglich.

Fragen

Im Anschluss des Vortrags wurde im Gespräch mit dem Publikum von Carlos Taibo u.a. festgestellt, dass konservative Organisationsstrukturen prinzipiell nicht schlecht sein müssen, sie sollten nur flexibler sein und nicht starr. Man sollte grundsätzlich verschiedene Ansätze respektieren und nicht seine Ansichten stur durchsetzen. Das Verständnis dafür, dass es verschiedene Interpretationen für die selbe Aussage gibt, ist der Schlüssel, der immer wieder neu gefunden werden muss, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Hier gibt es einen Artikel über den Vortrag auf Spanisch: http://revistaextra.es/2012/05/carlos-taibo-que-teniamos-el-14m-por-carlos-chavez/

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