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Occupy Frühlingserwachen

12. Mai 2012 in Blog - alle Themen

 Die Berliner Bewegung zurück im öffentlichen Raum

Von Florian Hauschild

Im digitalen Zeitalter und der sich vollziehenden Revolution der Kommunikation haben wir die Möglichkeit soziale Entwicklungen praktisch in Echtzeit zu verfolgen. Dies hat oft eine andere Wahrnehmung von Zeit zur Folge, wie wir es noch aus der Epoche der analogen Kommunikation gewohnt sind.

So verwundert es dann doch, wenn man sich vergegenwärtigt, dass noch vor rund einem halben Jahr der Begriff „Occupy“ für die meisten Menschen hierzulande ein Fremdwort war. Auch galt noch die alte Binsenweisheit „In Deutschland geht sowieso niemand auf die Straße“ und auch von Piraten hatten – zumindest im Zusammenhang mit Politik – bis dato nur die Wenigsten etwas gehört.

In Berlin begann diese Erstvernetzung der in Opposition zumbestehenden System  stehenden Bewegung bereits im Mai 2011, inspiriert durch die Proteste in Spanien. Aus dieser ging die Vorbreitung und die Arbeit an der ersten „Occupy“-Demonstration am 15. Oktober hervor. Oft waren es nur wenige Menschen und kleine Grüppchen,  die sich diesen Arbeiten verschrieben hatten, die Idee weiter getragen, Flyer gedruckt, Plakate geklebt haben, etc. Der 15. Oktober selbst, kann wohl am ehesten als eine Art Urknall bezeichnet werden. Occupy war plötzlich in aller Munde.

Nun – wenige Monate später – sind sowohl Occupy wie auch Piraten fast schon selbstverständlich zum Politbetrieb gehörende Akteure. Während die Piratenpartei derzeit wohl den Klimax ihres ersten Hypes erlebt, war die Occupy-Bewegung jedoch bereits gegen Ende 2011 an diesem Punkt.

Nun spiegelt die mediale Aufmerksamkeit aber nicht unbedingt immer die tatsächliche Verfassung gesellschaftlicher Vernetzungen wider und während viele Kommentatoren Ende letzten Jahres der Occupy-Bewegung in Deutschland bereits als gescheitert sahen, sind diese nun umso mehr verwundert, dass sich nun wieder einiges regt.

Denn anders als es Verschwörungsmythen oder Mainstream-Vereinfachungen suggerieren ist die Entstehung und Entwicklung von sozialen Bewegungen kein geordneter, kontrollierbarer oder gar steuerbarer Prozess, sondern vielmehr ein höchst chaotischer, voll von Überraschungen, unvorhersehbaren Entwicklungen, Fügungen und Synergien. Es ist auch kein Prozess der sich in wenigen Wochen vollzieht, sondern soviel Zeit beansprucht, wie es eben braucht um Vertrauen aufzubauen und grundlegende Fragen zu klären.

Auch darf die menschliche Komponente von all dem nicht vernachlässigt werden: Menschen lernen sich kennen, verbünden sich, streiten, versöhnen sich wieder, entfremden sich auch mal und im besten Fall entsteht bei all dem ein dezentrales Vertrauensnetzwerk – eine Gesellschaft im ursprünglichen Wortsinn.

All dies bedarf einer gewissen Zeit, die viele Beobachter aufgrund des digitalen Informationsflusses bezüglich der Entwicklungen anders wahrzunehmen scheinen als direkt Beteiligte. Rückschläge, Enttäuschungen und Frustration sind ebenso an der Tagesordnung wie Bestätigung, Hoffnung und eine zunehmende Klarheit des zu bestreitenden Weges. Die Vernetzung unterschiedlichster Kompetenzen und damit auch die Fähigkeit hoch komplexe Aufgaben zu lösen, nimmt zu, die Bewegung/das Netzwek/die Gesellschaft wird mehr und mehr arbeitsfähig.

Nun – im Mai 2012 – ist die Occupy-Bewegung zurück im öffentlichen Raum. Nicht nur, aber auch in Berlin gleich mit zwei Großprojekten. Auf der Occupy Berlin Biennale entsteht ein offenes Forum für politische Arbeit, Diskurs, Aktion und Kommunikation.

In der Presseerklärung der Berliner Bewegung heißt es:

„Wir haben uns aus vielen Gründen dafür entschieden, an der 7. Berlin Biennale teilzunehmen, manche davon sind persönlich, andere teilen wir kollektiv. Die KunstWerke stellen uns vor allem Räumlichkeiten zur Verfügung, in denen wir Menschen aus verschiedenen Ländern dieser Erde zusammen bringen können, um unsere Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr zu teilen und neue Kontake zu knüpfen, die unsere Bewegungen voranbringen sollen. Die kommenden zwei Monate werden ein kollektives Experiment sein, während dessen wir zusammen daran arbeiten werden, die Galerie in einen Raum zu verwandeln, in dem wir sowohl politische Fragen als auch organisatorische Strategien diskutieren, durch öffentliche Interaktion wachsen und uns an verschiedenen Aktionsformen beteiligen können, von kreativen Aktionen bis hin zu Großdemonstrationen.“

Neben diesem – zumindest bis Juli – ständigem Basislager strebt die Bewegung allerdings auch zurück auf die Plätze. Der 12. Mai, angelegt als globaler Demonstrationstag unzähliger basisdemokratischer Initiativen, Bewegungen und Vernetzungen soll auch in Berlin gebührend zelebriert werden. Nach einem Sternmarsch ins Zentrum der Stadt ist eine zweiwöchige Agora geplant, ein Platz der Ideen auf dem Visionen und Lösungsmöglichkeiten für bessere und gerechtere Gesellschaftsstrukturen diskutiert werden können. Der in vier Sprachen veröffentlichte Demonstrationsaufruf spiegelt die Vielfältigkeit der Anliegen wider.

Klar ist jedoch, auch der Mai 2012 wird letztendlich nur ein weiterer kleiner Schritt auf einem langen Weg sein. Beschritten wird dieser Weg auch in Frankfurt, in Düsseldorf, in München und weltweit an rund 400 weiteren Orten. The revolution will not be facebooked.

Florian Hauschild engagiert sich in verschiedenen Projekten der Berliner Occupy-Bewegung und betreibt den blog the babyshambler (the-babyshambler.com/)

Der Artikel erschien ursprünglich auf dem Blog Die Freiheitsliebe

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