Fragen und Gedanken

15. Mai 2012 in Blog - alle Themen

Hallo Zusammen,
einige Fragen lassen mich nicht los:
Wie ist es möglich, dass es den OrganisatorInnen des revolutionären 1.Mai, mit radikalen Forderungen, wie der Abschaffung von Staat, Nation und Kapital gelingt 10 Mal so viele Menschen auf die Straße zu bekommen wie die occupy, edj-Bewegung mit ihrer schwarmhaften Schwammigkeit?
Ich verstehe jeden politisch, historisch denkenden Menschen sehr gut der einfach keinen Bock hat auf einer Demo mitzulaufen in der Transparente mit Nazirethorik wie z.B. “Banksters, ihr seid das Geschwür der Demokratie” geduldet werden!
Keine “Zensur” ist auch keine Lösung!
Demokratisierung ohne Selbstrefexion und Bewußtseinswandel, halte ich für wirkungslos bis gefährlich.
Habe mir gerade den Text durchgelesen, der wohl von einigen  Menschen am Alex verabschiedet wurde…  wer von euch begreift sich denn bitte als fortschrittlich, im Namen des Fortschritts werden Regenwälder abgeholzt und Kinder gezwungen in Mienen die Rohstoffe für unsere Handys abzubauen? Wer von euch begreift sich bitte als konservativ, der Konservatismus war und ist stets die Gegenkraft zu allen emanzipatorischen, revolutionären Bestrebungen?
Wie kann es die junge Bewegung vermeiden Entwicklungen der 68 Revolte zu reproduzieren: 1.der Lange Marsch durch die Institutionen… gestern die Grünen, heute die Piraten 2. der Rückzug ins Private, der Versuch in einer kleinen Kommune mit halbwegs Gleichgesinnten das Glück zu finden 3. der Weg in den radikalen Untergrund, der immer Gefahr läuft den Kontakt  zum Rest der Bevölkerung zu verlieren?
Was können wir wirklich anderst machen, wie kann Occupy eine eindeutigere Kontur herausbilden, ohne Forderungen an jene Kräfte zu stellen, die die Krise verursachen?
Ich hoffe wir sehen uns die nächsten Tage bei Blockupy Frankfurt und es würde mich echt freuen von Occupy AktivistInnen keine pseudo pazifistischen Distanzierungen zulesen, denn die Gewalt geht immer von der Exekutive aus, deren Hauptaufgabe es ist ein Wirtschaftssystem zu schützen an dem in diesem Moment Menschen sterben.

solidarische Grüße,

H.

3 Antwort auf Fragen und Gedanken

  1. yann sagte am 15. Mai 2012

    wir brauchen in der tat einen austausch und reflexion über 12M und vielleicht auch über das, was occupy/edj bewegung genannt wird (oder die gruppierungen, die sich mit diesem label selbstbezeichen)…
    in der vorbereitung wurde sehr deutlich, dass ein selbstverständigungsprozess überhaupt noch nicht begonnen wurde und teilweise sogar explizit abgelehnt wird…
    kaum jemensch scheint hier begriffen zu haben, dass ‘occupy’ der ruf zum zivilen ungehorsam ist, dabei würde ein blick ins wörterbuch reichen…
    und dass der verweis auf die ‘spontanität des schwarms’ faktisch die organisierte verantwortungslosigkeit ist…
    ich freue mich auf jeden fall auf einen austausch, auch ari hat ja bereits wichtige fragen aufgeworfen…
    aber zuerst sehen wir uns in frankfurt ;-)
    grüße yann.

  2. JErB sagte am 15. Mai 2012

    erstens Danke Hellena, dass Du uns den Denkanstoß gegeben hast.
    Zweitens sollen wir uns auch überlegen, warum anderorts analoge Bewegungen (in der Philosophie von EDJ und occupy) das Zehnfache an Menschen auf die Strasse bringen (und das im Vergleich zu den Demos am 1. Mai in Berlin!) Vielleicht liegt es also nicht daran, dass die Forderungen bei uns nicht radikal genug sind.
    Dirttens würde ich gern ein paar Fragen beantworten, die du geworfen hast: gegen den Fortschritt habe ich eigentlich nichts, denn in seinem Sinne sind auch Organisationen wie Unicef oder die OIT entstanden, die sich gegen die Kinderarbeit einsetzen; in occupy habe ich Freunde, deren Einstellung in vielen Fragen ich eher als konservativ bezeichnen würde -und ich finde es gut so, dass auch solche Menschen in der Bewegung sind; und über Gewalt wurde ja viel diskutiert (für mich sind aber die ehrlichsten Erklärungen für die Gewaltausbrüche in den Demos immer noch Adrenalin und Testosteron). Und nein, Gewalt geht nicht immer von dem Staat aus -und ich hoffe ich bekomme da die Zustimmung von manchem historisch denkenden Menschen- aber ja, am schlimmsten ist es, wenn sie von ihm kommt.

  3. „Ich verstehe jeden politisch, historisch denkenden Menschen sehr gut der einfach keinen Bock hat auf einer Demo mitzulaufen in der Transparente mit Nazirethorik wie z.B. “Banksters, ihr seid das Geschwür der Demokratie” geduldet werden!
    Keine “Zensur” ist auch keine Lösung!“

    Wie, das ist Nazirhetorik und du willst das verbieten? Geht’s noch? Wer die Bankster kritisiert, der muss natürlich auch gleichzeitig die Systemfrage stellen, ansonsten wäre es verkürzte Kapitalismuskritik, welche typisch für Rechte ist. Leider passt eine ganze Weltanschauung schwer auf ein Transparent. Woher willst du also wissen, ob der Träger des Banners nicht vielleicht weiter denkt und mit dem Spruch Kritik am kapitalistischen System an sich ausdrücken will? Die Bankster sind nun mal das große Negativ-Symbol für den globalen Kapitalismus oder Imperialismus in seiner letzten und aggressivsten Phase. Antikapitalismus ist der Schlüssel zur Rettung der Gesellschaft. Eine Forderung nach dem Ende des Kapitalismus ist nicht radikal, sondern es ist Einsicht in die Notwendigkeit und die einzig logische Konsequenz zum Chaos in der Welt. Dass der Kapitalismus abgeschafft werden muss, wenn die Menschheit nicht in 20 Jahren ohne Ressourcen da stehen will, ist so gesetzmäßig, so klar und unwiderlegbar wie eine mathematische Gleichung.

    Übrigens, der Antikapitalismus der Rechten ist eigentlich gar keiner. Die Rechten unterscheiden zwischen einem bösen Finanzkapitalismus und einem guten Kapitalismus, dem des Mittelstandes, der produziert und Werte schafft. Die Rechten sind der Ansicht, dass man den Kapitalismus zügeln kann. Eine Ansicht, welche auch die meisten bürgerlichen Parteien teilen.
    Echter Antikapitalismus ist wissenschaftlich. Er beruht auf der Erkenntnis, dass sich die kapitalistische Gesellschaft entwickelt und immer wieder transformiert und verändert. Der Profitgedanke verändert sich jedoch nicht und daher wird das System immer aggressiver, desto mehr sich das Kapital in der Gesellschaft polarisiert hat. Diese Entwicklung ist unumkehrbar und alle sind in diesem System gefangen. Der Kapitalist welcher nicht nach Maximalprofit strebt wird vom jeweils anderen Kapitalisten an die Wand gedrängt. Deshalb sagen wir, wir hassen nicht die Spieler, sondern das Spiel, auch ein grundlegender Unterschied zur verkürzten Pseudo-Kapitalismuskritik von rechts.

    „Wie kann Occupy eine eindeutigere Kontur herausbilden?“

    Mit einer klaren Bekenntnis zum Antikapitalismus, unverkürzt und auf gesellschaftswissenschaftlicher Basis. Wie gesagt, das Ablösen den Kapitalismus ist so logisch wie eine mathematische Gleichung. Diese Logik muss man den Menschen vermitteln, dann verlieren wir auch nicht den Kontakt zu ihnen.

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