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Vom Piratenkodex zum “Occupy”-Kodex? – Die Bewegung braucht Verhaltensregeln!

3. April 2012 in Blog - alle Themen

Hallo zusammen,

es ist ja kein Geheimnis, dass es in der Vergangenheit innerhalb der Bewegung – so wie eben auch in der gesamten Gesellschaft – am Umgang miteinander gekrankt hat. Dies ließ sich im Zuge der Erstvernetzung wohl auch kaum vermeiden. Das was wir Bewegung nennen ist ja letztentlich auch nur ein chaotisches Zusammenkommen aller möglichen Menschen. Menschen, die in einem krankmachenden und kaputten Gesellschaftssystem sozialisiert wurden und die die Schläge, die sie in diesem System alle mehr oder weniger einstecken mussten, irgendwann eben wieder austeilen. Ein Teufelskreis, wenn man dem Ganzen nicht irgendwann mal einen Riegel vorschiebt.

Nun ja, zum Glück gibt´s ja das Internet so dass sich das Ganze ohne großes Blutvergießen regeln ließ. Trotzdem sollte uns allen klar sein, dass anhaltendes Cybermobbing, Verleumdungskampagnen und üble Nachrede in Zukunft eingedämmt werden sollten. Selbst abgehärteten Leuten macht dieses asoziale Verhalten, das leider immer noch, selbst unter enagierten Bewegungsaktivisten, zu beobachten ist, sichtlich zu schaffen.

Mir persönlich erscheint eine Art Bewegungskodex, der nach dem Prinzip der Selbstverpflichtung Autorität erhält, ein geeigneter Weg zu sein. Natürlich kann niemand zum Einhalten eines solchen Kodex gezwungen werden, aber es macht Sinn solche Richtlinien zu formulieren um Neuankömmlinge gegebenenfalls darauf hinzuweisen und chronische Heckenschützen in die Schranken zu weisen.

Nun ist es ja kein Geheimnis, dass die Piraten und die Occupy-Bewegung viele Gemeinsamkeiten aufweisen, besonders was Entstehungsgeschichte und Organisationsprinzip angeht. Schwarmintelligenz, Transparenz, dezentrale Vernetzung, Basisdemokratie, Internetvernetzung, das sind hüben wie drüben zentrale Schlagworte. Somit ist meiner Meinung nach sehr wahrscheinlich, dass nicht nur die Entwicklungstendendenzen ähnlich sind, es ist auch davon auszugehen, dass sich Piraten wie auch Occupy-Aktivisten mit ähnlichen zwischenmenschlichen Problemen konfrontiert sehen.

Ohne gegenseitige Berührungsängste sollte man daher die Möglichkeit wahrnehmen voneinander zu lernen. Im Folgenden habe ich daher mal den Piratenkodex kopiert und das Wort “Pirat” durch “Mensch” ersetzt. Einige Punkte sind sicher auch sehr piratenspezifisch und passen nicht wirklich zur Occupy-Bewegung, andere Punkte fehlen sicherlich auch noch, aber ich denke der Kodex bietet insgesamt eine gute Diskussionsgrundlage.

Es würde mich freuen wenn hierzu eine Debatte ins Rollen kommt. Also beteiligt euch bitte, verbreitet den Vorschlag und/oder äußert euch selbst zur Thematik. :-)

Hier der Text:

Menschen sind frei

Menschen sind freiheitsliebend, unabhängig und selbstbestimmt, ihrem eigenen Ehrenkodex verpflichtet. Dies beinhaltet auch, dass Bewegungszwangebenso wie jeder Verhaltenskodex als blinder Gehorsam abgelehnt wird und dass die Entscheidungsfreiheit erhalten bleibt. Menschen lassen sich nicht überwachen. Menschen sind unbestechlich.

Menschen handeln nur freiwillig

Ein Mensch lässt sich zu keiner Handlung zwingen, noch zwingt er andere Menschen zu einer Handlung. Ein Mensch entscheidet in jedem Moment neu, ob er sich gegenüber einer eingegangenen Verpflichtung noch gebunden fühlt.

Trotzdem ist ein Mensch kein Fähnchen im Wind, nur seinen momentanen Launen unterworfen.

Ein Mensch lässt sich zu keiner Handlung zwingen, noch zwingt er andere Menschen und Menschen zu einer Handlung. Ein Menschen entscheidet in jedem Moment, ob sein Handeln mit seinen ethischen und moralischen Grundsätzen übereinstimmt. Ein Mensch entscheidet unter diesen Bedingungen jeden Moment seines Handelns immer wieder und verharrt nicht in starren Regeln. So entscheidet jeder Mensch immer wieder neu auf der Basis von Freiheit und Verantwortlichkeit.

Menschen leben privat

Menschen legen hohen Wert auf ihre vom Grundgesetz garantierte Privatsphäre. Sie wissen, dass ohne private und unbeobachtete Freiräume keine freiheitlich-demokratische Gesellschaft möglich ist. Wer nicht weiß, ob er beobachtet wird und wer sich nicht mehr sicher ist wer was über ihn weiß, wird bewusst oder unbewusst sein Verhalten verändern und sich in eine für die Gesellschaft gefährliche “Normalität” begeben. Überwachungsmaßnahmen, die die Privatsphäre einschränken, werden von allen Menschen abgelehnt und bekämpft, weil sie die freie Entfaltung der Persönlichkeit verhindern und demokratische Vielfalt beschneiden. Daher muss auch in der Occupy-Bewegung stets eine anonyme Beteiligung an der politischen Arbeit möglich sein.

Trotzdem hat ein Mensch Mut, Farbe zu bekennen und versteckt sich nicht hinter diesem Freibrief, wenn es dem Kodex entspricht.

Menschen fragen nach

Die schöne Variante von “Ein Mensch denkt”. Menschen schlucken nicht alles. Medienkritik ist essentiell wichtig. Menschen hacken Systeme, aber nicht sinnlos und respektlos.

Hacken von Systemen:

Jedes System kann gehackt werden. Mit “System hacken” meint man nicht, dass es zerstört wird, sondern einfach nur komplett verstanden. Erst wenn man ein System komplett versteht, sieht man die Schwachstellen/Fehler. Beispiel: Fernsehabteilung – Dort werden verschiedene Fernseher mit unterschiedlicher Farbtemperatur betrieben. Da die meisten Leute ein warmes Bild (mehr Rot) lieber mögen als ein kaltes (mehr blau), können so gezielt die Fernseher verkauft werden, die raus müssen. Ein Pirat würde sich also fragen: Wieso sieht die Farbe bei den verschiedenen Fernsehern unterschiedlich aus? Kann man die Farbe korrigieren? Wenn ja, warum machen die Verkäufer das nicht? Welche Fernseher wollen die Verkäufer mir verkaufen und was sind das für Fernseher?

Erst Fragen schaffen Klarheit. Oder wie es bei der Sesamstraße heißt: “Wer nicht fragt, bleibt dumm.”

Menschen sind erfinderisch

Dieser Punkt ist aus dem “hinterfragt” entstanden. Menschen sind neugierig und kreativ, sie erfinden ständig Neues, sind offen für neue Wege, sehen andere Lösungen und lassen sich nicht von alten Mustern einnehmen. Dabei realisieren Menschen neue Projekte und Aktionen nach dem Koordinations- und Kooperationsprinzip. In einem ständigen Prozess werden dabei bestehende Projekte erweitert, verbessert, werden Innovationen eingeführt und weitere Ideen geschmiedet.

Um politisch ernst genommen zu werden verzichtet ein Mensch auf Esoterik. Etwas Kult zur Festigung des Menschengefühls ist erlaubt. Menschen sind bereit, sich von ihren “geistigen Kindern” zu trennen, wenn es sich nicht bewährt oder als unsinnig erkannt wird.

Menschen fördern freies Wissen, Bildung & Kultur

Menschen setzen sich für eine freie Wissensgesellschaft ein. Wissen und Kultur zu teilen ist für sie der Schlüssel zu Chancengerechtigkeit und zu einer materiell sowie geistig und kulturell wohlhabenden Gesellschaft. Insbesondere fordern und fördern Menschen das Prinzip des OpenAccess, OpenSource, alternative Lizenzmodelle wie Creative Commons, freies Radio und freies Fernsehen.

Außerdem wenden wir uns gegen das “Raubkopie“-Argument und die GEZ.

Menschen engagieren sich ebenso für freie Bildung und gleiche Bildungschancen für Alle, unabhängig von ihrer sozialen oder finanziellen Situation. Dies beinhaltet einen kostenlosen Zugang zu Schulen und Hochschulen.

Menschen machen die Klappe auf

  • Ein Mensch bleibt nicht stumm, wenn ihm etwas nicht passt.
  • Ein Mensch- ein Wort! Menschen stehen zu ihrem Wort und äußern daher nicht voreilig angebliche absolute Wahrheiten.
  • Menschen kritisieren, aber sachlich und konstruktiv.
  • Menschen sind mutig.
  • Menschen machen von ihrem Einfühlungsvermögen Gebrauch.
  • Menschen nehmen ihre Rechte wahr.
  • Menschen gehen wählen.
  • Sie wissen aber auch, wann sie mal ruhig sein sollten.
  • Sie stellen ihre Gedanken anderen Menschen zur Diskussion um einen Konsens zu finden.
  1. Whistleblowing

Menschen sind fair

Die Menschen stehen für eine politische Kultur der Fairness, Höflichkeit und Sachlichkeit, in der Argumente und Inhalte wieder zählen. Das gilt für Auseinandersetzungen innerhalb der Bewegung und mit politisch Andersdenkenden.

Menschen fühlen sich der  Netiquette verpflichtet.

Menschen sind bereit, sich selbst in Frage zu stellen, wenn es nötig ist. Menschen lassen sich trotzdem nicht unterkriegen.

Menschen haben Achtung vor dem Leben

Menschen haben Achtung vor jeglicher Form von Leben. Todesstrafe, Tötung von Tieren aus Spaß und die Zerstörung von Natur und Umwelt lehnen wir daher ab, ebenso wie Patente auf Gene oder ganze Organismen.

Menschen sind friedlich

Die Stärke eines jeden Menschen ist in erster Linie seine Stimme. Viele Menschen ergeben viele Stimmen. Zusammenhalt bei gemeinsamen Zielen ist wichtig. Menschen können Auseinandersetzungen verbal regeln und lassen sich nicht provozieren. Menschen wehren sich entschieden dagegen, mit gewaltbereiten Randalierern in Zusammenhang gebracht zu werden, da sie das komplette Gegenteil davon darstellen.

Menschen haben aber den Mut, zu hinterfragen und ordnen sich nicht eventuellem Geschwätz unter. Menschen stehen Rede und Antwort.

Menschen zeigen Zivilcourage

Menschen möchten der “Wegseh-Gesellschaft” entgegenwirken und verhalten sich stets couragiert. In Situationen, die Zivilcourage erfordern, bleiben sie nicht untätig! Sei es die alte Dame, die ihren Rollator nicht mehr ohne Weiteres in den Bus heben kann, Übergriffe auf Mitbürger, der Unfall, das liegen gebliebene Fahrzeug, die nächtliche Schlägerei vor der Diskothek oder der Mann im Bus, der gerade einen Asthma-Anfall bekommt – all diese Situationen erfordern aktives oder passives Eingreifen. Menschen sehen nicht weg und verlassen sich nicht darauf, dass irgend jemand anderes schon etwas machen wird, sondern sie treten selbst in Aktion und wägen ab, was zu tun ist. Man muss sich nicht selbst in Gefahr bringen, um Courage zu zeigen! Ein Anruf in der Notrufzentrale (110/112), ein lauter Schrei, entschiedene Worte oder auch die nur aktive, aufmerksame Teilnahme am Geschehen bewirken oft schon Großes.

Menschen sind tolerant und gegen Diskriminierung

Niemand darf aufgrund seiner ( geographischen oder sozialen) Herkunft, seines Glaubens (oder Nicht-Glaubens), seines  Aussehens (Hautfarbe, oder Physiognomie), seiner  Sprache, seines (biologischen oder sozialen) Geschlechts, seiner sexuellen Orientierung, seiner Kultur, seiner ( körperlichen oder geistigen) Fähigkeiten, seines Gesundheitszustandes, seiner politischen Anschauungen, seines  Alters oder aufgrund seiner  Lebensweise diskriminiert werden!

Menschen sind keine Räuber

Hiermit ist Respekt vor geltenden Gesetzen und materiellem Privateigentum zum Ausdruck gebracht.

Menschen sind keine Freeloader

Menschen haben Respekt gegenüber Urhebern und deren Schaffen (wichtig für Urheberrechtsdebatte u.Ä.). Man wendet sich gegen Ausbeuterei. Menschen schmücken sich nicht mit fremden Federn. Menschen sind bereit, Kulturschaffende und andere Kreative angemessen zu unterstützen und somit Verantwortung für den Fortbestand von Kultur und z.B. Journalismus zu übernehmen.

Menschen denken auch an andere

Dieser Punkt zeigt auf, dass Menschen niemanden durchs soziale Netz fallen lassen möchten. Insbesondere denken Menschen bei sämtlichen Überlegungen immer an Minderheiten, wenn es darum geht, die besten Lösungen für die Gemeinschaft zu finden. Menschen versuchen möglichst empathisch zu sein und sich in andere Menschen hinein zu versetzen, um so einen klareren Blick auf sich selbst, seine Einstellungen und auf die Meinung des anderen werfen zu können. Menschen geht es nicht darum nur ihre eigene kleine Welt so angenehm wie möglich zu gestalten, sondern sie denken stets auch an die große Welt da draußen, die es gemeinsam und zum Wohle Aller zu verbessern gilt.

Menschen denken, handeln und arbeiten global

Die Tatsache, dass Occupy eine globale Bewegung ist, lässt Menschen auch global denken, um so langfristig (aber in nicht allzu ferner Zukunft) bei der Bewältigung der drängendsten Probleme unserer Welt mitzuwirken.

Menschen zerschlagen Gordische Knoten

Was Menschen anpacken, machen sie so einfach wie möglich und so kompliziert wie nötig. Menschen wollen, dass jeder die Spielregeln versteht. Menschen setzen sich für eine klare Begriffssprache ein und sind daher verständlich. Menschen handeln nach dem KISS-Prinzip und kennen das Geheimnis um das Ei des Kolumbus.

Quelle des Originalkodex: http://wiki.piratenpartei.de/Kodex

 

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