Howard Zinn: Ein gewaltiger Sieg

28. März 2012 in Blog - alle Themen

Anmerkung d. Übers.: Wenn die Welt mal wieder unverbesserlich scheint, wenn die Tyrannen, Spekulanten und Ideenwächter gerade wieder die Oberhand haben, wenn sich Lähmung und Verzweiflung breit machen, dann hilft dieser kleine Text von Howard Zinn. Der amerikanische Historiker ist bekannt für seine “People’s History of the United States”, ein Kompendium der kollektiven Macht einfacher Leute, der gescheiterten und gewonnenen Kämpfe von Indianern, Demokraten, Sozialisten und Anarchisten gegen die Akteure der Lehrbuchgeschichte von Kolumbus bis Obama. Zinn starb am 27. Januar 2010 im Alter von 87 Jahren; der folgende Abschnitt steht in seinem letzten Buch, “A Power Governments Cannot Suppress”.

Ein gewaltiger Sieg

Von Howard Zinn

Wie schafft man es in dieser Welt voller Krieg und Ungerechtigkeit, sozial engagiert zu sein, sich dem Kampf zu widmen und dabei gesund zu bleiben, nicht auszubrennen, aufzugeben oder zynisch zu werden?

Ich weiß nicht, ob die Welt tatsächlich besser wird, aber ich bin mir sicher, dass wir das Spiel nicht aufgeben sollten, bevor alle Karten ausgespielt sind. Ich wähle diese Metapher bewusst: Das Leben ist ein Glücksspiel. Spielt man nicht mit, verschenkt man jede Gelegenheit zum Sieg; spielt man, handelt man dagegen, schafft man immerhin die Möglichkeit, die Welt zu verändern.

Man glaubt allzuleicht, dass das Gegenwärtige auch weiterhin bestehen bleibt. Dabei vergessen wir, wie oft uns schon der plötzliche Einsturz von Institutionen, der radikale Sinneswandel, der unerwartete Ausbruch von Rebellionen gegen Tyranneien und der plötzliche Zusammenbruch von scheinbar unbesiegbaren Machtsystemen in Erstaunen versetzt haben.

Was einem aus der Geschichte der letzten hundert Jahre sofort ins Auge springt, das ist ihre völlige Unberechenbarkeit. Eine Revolution gegen den Zaren von Russland, dem trägsten aller halbfeudalen Großreiche, verblüffte nicht nur die meisten fortgeschrittenen Mächte, sondern überrumpelte sogar Lenin, der schnell in den nächsten Zug nach Petrograd springen musste. Wer hätte die bizarren Wendungen des zweiten Weltkriegs vorhersagen können – den Hitler-Stalin-Pakt (diese peinlichen Fotos, in denen sich v. Ribbentrop und Molotow die Hand geben!), den Vormarsch der scheinbar unbesiegbaren deutschen Wehrmacht durch Russland (mit zahllosen Opfern), ihren Halt vor den Toren von Leningrad, am Westrand Moskaus und in den Straßen von Stalingrad, ihre Niederlage, und Hitler, der im Bunker zusammengekauert auf den Tod wartet?

Auch den Umriss der Nachkriegswelt hätte vorher niemand skizzieren können. Die kommunistische Revolution in China, die turbulente und heftige Kulturrevolution, und dann gleich noch ein Umschwung, als China seine liebsten Ideen und Institutionen widerrief, sich – zu jedermanns Überraschung – dem Westen öffnete und kapitalistischen Unternehmen anschmiegte.

Niemand konnte die Geschwindigkeit vorhersagen, mit der sich nach dem Krieg die alten westlichen Imperien auflösen würden, oder die eigenartige Reihe von Gesellschaften, die in den nun unabhängigen Nationen entstanden, vom gutartigen Dorfsozialismus in Nyereres Tansania bis hin zum Wahnsinn von Idi Amins benachbartem Uganda. Auch Spanien überraschte jeden. Ich erinnere mich, wie ein Veteran der Abraham Lincoln Brigade mir sagte, der spanische Faschismus könne nicht ohne einen weiteren blutigen Krieg gestürzt werden. Aber nach Francos Tod bildete sich eine parlamentarische Demokratie, die offen war für Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, für jeden.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ zwei Supermächte mit ihren jeweiligen Einfluss- und Herrschaftsgebieten, im Wettstreit um die militärische und politische Vorherrschaft. Aber sie konnten die Ereignisse noch nicht einmal in ihren angeblichen Einflusssphären kontrollieren. Das Scheitern der Sowjetunion in Afghanistan, die Entscheidung zum Rückzug nach fast einem Jahrzehnt der hässlichen Intervention, war der schlagende Beweis, dass nicht einmal der Besitz von Wasserstoffbomben die Herrschaft über eine entschlossene Bevölkerung sichern konnte.

Derselben Wirklichkeit sahen sich die Vereinigten Staaten gegenüber. Sie führten einen ausgewachsenen Krieg in Indochina, unterzogen eine kleine Halbinsel der brutalsten Bombardierung der Weltgeschichte und wurden doch zum Rückzug gezwungen. In den Schlagzeilen finden sich jeden Tag weitere Beispiele für das Scheitern der angeblich Mächtigen angesichts der angeblich Machtlosen, wie in Bolivien oder Brasilien, wo Graswurzelbewegungen von Arbeitern und Armen neue Präsidenten ins Amt gebracht haben, die versprechen, gegen zerstörerische Konzernmacht vorzugehen.

Sieht man sich diesen Katalog von riesigen Überraschungen an, so wird deutlich, dass der Kampf um die Gerechtigkeit niemals bloß wegen der scheinbar überwältigenden Macht derer aufgegeben werden kann, die die Waffen, das Geld und den Willen besitzen, daran festzuhalten. Diese Scheinmacht hat sich gegenüber menschlichen Eigenschaften, die weniger messbar sind als Bomben und Dollars, immer wieder als verwundbar erwiesen: Moralischer Eifer, Entschlossenheit, Zusammenhalt, Organisation, Hingabe, Witz, Findigkeit, Mut, Geduld – ob von Schwarzen in Alabama oder Südafrika, Bauern in El Salvador, Nicaragua und Vietnam, von Arbeitern und Intellektuellen in Polen, Ungarn oder der Sowjetunion. Keine kaltsinnige Berechnung des Machtgleichgewichts kann Menschen abschrecken, die von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt sind.

Ich habe mich bemüht, dem Weltpessimismus meiner Freunde (sind es nur meine Freunde?) nachzueifern, aber immer wieder treffe ich Leute, die mir Hoffnung geben, den schrecklichen Ereignissen überall zum Trotz. Wo ich auch hingehe, treffe ich solche Menschen, besonders junge Menschen, in denen die Zukunft liegt, und hinter der Handvoll von Aktivisten scheinen hunderte, tausende und mehr zu stehen, die für unorthodoxe Ideen empfänglich sind. Nur wissen sie nichts voneinander und verharren mit der verzweifelten Geduld eines Sisyphus, der ewig den Stein bergauf rollt. Ich versuche ihnen klarzumachen, dass sie nicht allein sind und dass dieselben Menschen, die an dem Mangel einer allgemeinen Bewegung verzweifeln, zugleich den Beweis liefern, dass eine solche Bewegung möglich ist.

Revolutionärer Wandel geschieht nicht in einem kataklysmischen Moment (man hüte sich vor solchen Momenten!), sondern als endlose Folge von Überraschungen, die sich im Zickzack auf eine anständigere Gesellschaft hinbewegen. Wir müssen keine gewaltigen, heroischen Taten vollbringen, um am Veränderungsprozess teilzuhaben. Kleine Handlungen, millionenmal multipliziert, können zu einer Gewalt werden, die keine Regierung unterdrücken kann, einer Macht, die die Welt verwandelt.

Sogar wenn wir nicht “siegen”, bringt es doch Freude und Erfüllung, dass wir mit anderen guten Menschen bei einer Sache dabeigewesen sind, die es wert ist. Wir brauchen Hoffnung. Ein Optimist ist nicht unbedingt einer, der im Dunkel unser Zeiten unbeschwert vor sich hin pfeift. Hoffnung in schlimmen Zeiten ist keine närrische Romantik. Sie gründet in der Tatsache, dass die Menschheitsgeschichte nicht nur von Konkurrenz und Grausamkeit erzählt, sondern auch von Mitgefühl, Hingabe, Mut und Güte.

Das, was wir in dieser komplexen Geschichte hervorheben, wird unser Leben bestimmen. Sehen wir immer nur das Schlimmste, zerstören wir unser Handlungsvermögen; erinnern wir uns dagegen an solche Zeiten und Orte – und davon gibt es viele – wo Menschen Großes vollbracht haben, dann werden wir zur Tat ermuntert, und es entsteht zumindest die Möglichkeit, diesen Weltkreisel in eine andere Richtung zu treiben. Wenn wir handeln, egal wie wenig, brauchen wir nicht auf eine große utopische Zukunft zu warten. Die Zukunft ist eine unendliche Folge von Gegenwarten, und jetzt so zu leben, wie wir es für richtig halten, trotz allem Übel ringsum, ist schon ein gewaltiger Sieg.

(Quelle http://www.zcommunications.org/a-marvelous-victory-by-howard-zinn)

1 Antwort auf Howard Zinn: Ein gewaltiger Sieg

  1. Danke für diesen text!!!

    Ich glaube, er komt zur richtigen zeit…
    Denn wir brauchen dringend so was wie hoffnung.

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