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Frühlingsgefühle

10. März 2012 in Blog - alle Themen

Mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen werden wieder die Blüten sprießen und uns mannigfaltig in vielen Farben und Formen beglücken. Blumen der unterschiedlichsten Sorten werden hübsch, artig und rausgeputzt die Wiesen und Felder zieren. Die Menschen auf den Strassen werden sich von Mützen, Pullis, Schals, Handschuhen und vor allem den dicken Jacken befreien. Der Gang wird wieder befreiter, aufrechter, die Augen werden wieder neugieriger und das Lächeln sitzt wieder lockerer im Gesicht, das sich nicht mehr krampfartig gegen die Kälte spannt. Wir schreiben den Frühling Nummer eins nach dem hoffnungsfrohen und demokratischen Aufbruch des Frühlings 2011. Wird der Frühling 2012 nun eine Fortsetzung dieses Aufbruchs sein, oder wird er sich bereits verlieren in melancholischen Erinnerungen an die gute alte Zeit aus dem letzten Jahr. Ist die Bereitschaft sich der Entmündigung durch Wirtschafts-, Meinungs- und Aussführungseliten  entgegen zu stellen gewachsen, oder sind es lediglich die Linksammlungen in den vielen aufgeregten, leidenschaftlich politischen, und zuweilen auch befremdlichen Foren und Facebookgruppen, die sich alle gemeinsam einem neuen digitalen Zeitalter verschrieben haben. Werden die Straßen bevölkert sein von den Massen der Empörten oder lediglich dekoriert durch vereinzelt versprengte Häufchen von Diskutanten und deren schwindender Zuhörerschaft? Erwächst nun aus den kalten Wintermonaten des Rückzugs und der Besinnung der Erfolgsdruck auf die Bürgerbewegungen?

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich in manch einer Redaktion, mit Blick auf die anfallenden Jahrestage, einige abgeklärte Redakteure zurücklehnen und mit quasi-intellektuell eingedickter Weitsicht ihre Laptops mit Abhandlungen über die Bedingungen und Ursachen des Abebbens der Demokratiebewegungen füttern. Sie halten sich dank ihrer Erfahrung und jahrelanger Beobachtungsgabe vielleicht für klug und übersehen dabei geflissentlich, dass sie ihren inneren politischen Rückzug bereits soweit kultiviert haben, dass ihnen Nichts bleibt als in dieser belanglosen Kultiviertheit festzustecken und dabei in einer Lächerlichkeit zu erstarren, die viel lächerlicher ist als alle, die sie lächerlich sehen wollen. Von ihnen haben wir also nichts zu erwarten. Und die Demokratieverteidiger, Utopisten und Empörten wären schlecht beraten auf deren Unterstützung zu hoffen. Sie brauchen diese auch nicht.

Dann gibt es die Fraktion der Wohlwollenden, der Schulterklopfer und Respektsbekunder. Diese werden sich mit humanistisch ausgefärbten Sympathiebekundungen hinter oder aber zumindest neben die Aufwiegler und Fragesteller stellen und hoffen ein Luftzug aus dem Morgen der Revolution mitzubekommen als Belohnung für das allerhöchstens ein bisschen eingeschränkte Festhalten an den Idealen, die sie einst angetrieben haben. Sie mögen zuweilen bemüht und angestrengt wirken, aber es wäre ein Fehler sich ihnen zu verwehren.

Und schließlich wird es die Unterstützer geben, die echten, die leidenschaftlichen, die sich ihrer Phantasie und ihrer Kreativität bewusst sind, vor Naivität und Romantik nicht zurückschrecken und für die die Bezeichnung Weltverbesserer ein Lob ist.
Während die ersten damit beschäftigt sein könnten die Anzahl von Demonstranten zu zählen, herunter zu zählen oder, wenn sie im Ausland die Straße erobern, schlicht zu unterschlagen, werden die zweiten bemüht sein ein konsumierbares theoretisches Unterfutter zu erschaffen. Die dritten aber werden zu jeder Gelegenheit, nicht etwa behaupten, sondern ihrem inneren Wissen folgend, schlicht feststellen, dass das was da letztes Jahr überall auf der Welt begonnen hat nicht mehr umzukehren ist. Eine Idee, die einmal, so wie jener Ruf nach Demokratie, in dieser Deutlichkeit aufgetreten ist wird nicht mehr weg zu blenden sein. Kein Schleier aus Statistiken und Notwendigkeiten wird sich mehr darüber legen können. Ganz im Gegenteil er wird sich ausbreiten, ausformulieren, auswachsen und zuletzt als Tatsache manifestieren. Ich erlebe in meiner Umgebung ein Maß an Neugier und Politisierung, das die Menschen aus ihrer Zurückhaltung herausreißt und sie gegen Ohnmacht immunisiert. Wir werden also erleben, dass das, was im letzten Jahr noch als Phänomen beschrieben wurde, tatsächlich der Teil eines Prozesses ist, der längst wirksam ist, auch wenn das die etablierte Politik nicht wahr haben möchte. Das Streben der Bürger nach Beteiligung an politischen Entscheidungen ist keine modische Erscheinung, sondern der entschlossen Ausdruck von Souveränität. Diese Erkenntnis der Souveränität wird sich immer neue und überraschende Erscheinungsformen suchen. Sie wird nicht nur Straßen und Plätze vereinnahmen und erobern, sie wird auch plötzlich an Orten auftauchen, an denen sich die Strukturkonservativen bis dato sicher fühlten. Die Rückzugsgebiete werden kleiner. (vermutlich werden sie daher um so heftiger verteidigt)

Selbst in Kreisen der klassisch konservativen Berufe wird plötzlich der Betrug der finanzabhängigen Politik am Gemeinwohl nicht nur als Randbemerkung durch den Raum flirren, sondern sich als das offenbaren, was es ist, nämlich eine akute Gefahr für die Gesellschaft, ein Sprengstoff, der das Potential hat all jene Errungenschaften zu vernichten, die das aufgeklärte Europa einstmals auszeichneten. Die abgeklärten Schreiber und Abschreiber werden ihre Positionen und am besten auch ihre Schreibtische und Sendeplätze räumen müssen. Sie können gar nicht soviel plappern, wie sie widerlegt werden.

Woher ich nun diesen Optimismus nehme? Ich nehme ihn mir einfach, weil dieser Optimismus die Vorraussetzung für jede Veränderung ist, weil der Glaube an die eigenen Möglichkeiten die Phantasie beflügelt und weil das Vertrauen in die Menschen ihr Potential aktiviert. Wir wissen nicht wie die Veränderung zuletzt aussieht und wie sie denn vonstatten geht, aber wenn wir uns diese nicht lebendig vorstellen können graben wir ihr schon in den ersten Regungen das Wasser ab. Besser ist es wir pflegen in diesem Frühjahr die Setzlinge aus dem letzten Jahr mit unserer Aktivität, jeder so wie er es kann, und düngen sie mit unserer Vorstellungskraft und unserem Optimismus.

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