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Wechselbad der Gefühle

28. Februar 2012 in Blog - alle Themen

Heute Nachmittag waren wir bei Sonia und Giorgos Mitralias vom griechischen Komitee für ein Schuldenaudit zu Besuch. Bei einem Schuldenaudit geht es darum, zu untersuchen, wie die Schulden zu Stande kamen, um dann bei illegalen, illegitimen, verwerflichen oder einfach nicht tragfähigen Schulden die Bezahlung zu verweigern. Das letzte Mal hatte ich die beiden vor einem dreiviertel Jahr im Mai gesehen, als sie das Komitee gerade frisch gegründet hatten und in Athen eine große Konferenz organisierten. Damals war spürbar, dass eine Menge Energie in der Bewegung war und wenige Wochen später bevölkerten Millionen Menschen die Plätze des Landes.

Diesmal klang Giorogos ernüchtert. Letzten Sommer hätte es großes Interesse an der Arbeit des Komitees gegeben und viele Menschen hätten Material angeboten, aber das Komitee sei mit der Situation überfordert gewesen. Man wollte zuviel auf einmal und deshalb sei eine historische Chance ungenutzt geblieben. So ein Fenster stehe aber leider nicht ewig offen und irgendwann würden sich die Menschen erst einmal wieder enttäuscht abwenden. Als Konsequenz empfielt er, nicht immer gleich alles zu wollen, sondern sich auf zwei oder drei große Skandale zu fokussieren. Eine soziale Bewegung könne nicht das gleiche leisten wie eine von einem Präsidenten eingesetzte Kommission, wie es im Falle Ecuadors war, wo vor einigen Jahren ganz offiziell ein Schuldenaudit durchgeführt wurde und hinterher ein Großteil der Schulden nicht bezahlt wurde. Hier gibt es dazu einen kürzlich von ihm verfassten Text auf englisch.

In die Zukunft blickten beide mit großer Sorge. Giorgos sprach sogar mehrmals offen aus, dass er, falls der Widerstand erfolgreich sein sollte,  einen Krieg befürchtet und die Bombardierung Athens. Die sozialen Einschnitte seien mittlerweile so schlimm, dass selbst in der Mittelschicht Hunger kein unbekanntes Phänomen mehr sei. Beide befürchten eine soziale Explosion, die sehr blutig werden könne.

Im Griechenland-Blog (übrigens auch zur regelmäßigen Lektüre für all diejenigen empfohlen, die sich über die weitere Entwicklung auf dem Laufenden halten wollen), wurde heute darüber berichtet, dass es Vorwürfe gebe, die Kriminalitätsstatistik werde stark nach unten manipuliert, damit sich die Menschen vermeintlich sicherer fühlten. Obdachlosigkeit gehört mittlerweile in Athen zum Straßenbild und ist keine Randerscheinung mehr.

Leider stimmen auch Vorwürfe, bei dem von der kommunistischen Gewerkschaft PAME organisierten Streik in einem Stahlwerk wäre auch eine neonazistische Organsiation aufgetreten und hätte dort einigen Anklang gefunden. In Umfragen ist eine offen rechtsradikale Partei mittlerweile bei 3 Prozent und hätte gute Chancen, ins Parlament einzuziehen, wenn es zu Wahlen käme. Beide betonten, dass jetzt internationale Solidarität ganz besonders wichtig wäre, damit die Rechte nicht noch mehr Boden gut machen könne. Bezogen auf die politische Lage sprachen sie von Weimarer Verhältnissen. Parteien links der “sozialdemokratischen” PASOK ständen zwar bei über 40 Prozent, wären aber untereinander tief zerstritten.

Sie verglichen die Situation mit der eines Laboratoriums. Weder in der Elite noch in der Bewegung gäbe es ein Rezept, wie es weitergehen könne. Das schaffe auf der anderen Seite aber auch eine große Bereitschaft, sich in der Bewegung gegenseitig zuzuhören, auch bei radikaleren Lösungsvorschlägen. Alte Rituale, wie die von den Gewerkschaften viele Jahre lang organisierten Streiks, hätten in der Krise an Wirksamkeit eingebüßt, wenn Fabriken ohnehin kaum mehr etwas produzierten. Innovativ werde es aber, wenn darüber nachgedacht werde, wie man die Produktion selbst organisieren könne. Soziale Bewegungen, die sozialen Ungehorsam propagierten, wie z.B. die “Wir bezahlen nicht”-Bewegung, hätten wichtige Impulse für gesellschaftlichen Wandel gegeben.

Steffen und ich haben mit beiden auch jeweils ein kurzes Videointerview gemacht. Das Interview mit Giorgos, das wir auf englisch führten, kommt die nächsten Tage online. Das Video mit Sonia Mitralias ist bereits konvertiert und hochgeladen. Sie lebt zwar seit über dreisig Jahren in Griechenland, ist aber gebürtige Luxemburgerin, so dass wir das Interview auf deutsch führen konnten.

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