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Übersetzung Interview mit Gabriel Boric, Präsident der FECh (Föderation der StudentInnen der Universität von Chile) Teil 1

5. Februar 2012 in Blog - alle Themen

Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=e2Shr-7XbEg

PW: Wir befinden uns hier mit Gabriel Boric, der keine großen Vorstellungen benötigt: er ist Präsident der FECh (Föderation der StudentInnen der Universität von Chile), ist Jura-absolvent, 25 Jahre alt. Seine politische Heimat ist die Izquierda Autónoma (Autonome Linke), seine territoriale Heimat, Magallanes. Wir fangen mit der Politik an, Gabriel: Glaubst du, dass die soziale Bewegung für Bildung es geschafft hat, die Synthese einer Forderung sozialen Charakters mit der Notwendigkeit politischer Reformen, als einer politischeren Forderung, zu vollführen? Glaubst du, dass sie diesen Schritt bewältigt hat oder fehlt es ihr da noch ein Stück?

GB: Ich glaube, dass wir in der Bewegung im vergangenen Jahr schon bald zur Ansicht kamen, dass dies keine korporative Auseinandersetzung sein kann. Wir kamen zu dem Schluss, dass es sich nicht nur um einen Kampf für die Qualität der Bildung in Chile handelt, sondern dass es eher etwas mit dem Charakter der Demokratie zu tun hat, die wir haben und mit der Demokratie, die wir haben wollen. Von daher arbeiten wir in dieser – in Einführungszeichen – Sommerpause daran, die Bewegung mit anderen sozialen Akteure zu stärken, denn wir wissen, dass wir das als Studenten nicht können. Dies sind keine Standesforderungen, sondern politische und deshalb müssen die Ziele politisch sein. Hier geht es nicht einfach darum, mehr Geld in das Bildungssystem zu stopfen. Letztes Jahr stießen wir bereits auf ein großes Hindernis, nämlich dass die Institutionalität in Chile dafür konzipiert ist, den Normalbürger von den Entscheidungen auszuschließen, die dann am Ende nur von den Eliten getroffen werden. Also wollen wir den Diskurs ein wenig in diese Richtung lenken. Ohne die Bildungsforderungen beiseite zu legen, denn wir glauben dass die Regierung auf praktisch keines der Probleme eingegangen ist, die wir auf den Tisch gelegt haben.

PW: Unter diesen Umständen, wo zum wiederholten Male die politischen Reformen, die Notwendigkeit einer Verfassungsänderung diskutiert werden:Welch einen Reifegrad hat das, deiner Meinung nach?

GB: Einen sehr geringen. Innerhalb der Studentenbewegung hat sich das Bewusstsein herausgebildet, dass heutzutage eine neue Verfassung vonnöten ist und dass man sich in diese Richtung hinbewegen muss. Aber es handelt sich nur um diese Einsicht. Und das Problem der Forderungen der sozialen Bewegung heute ist dass sie durch reformistische Kräfte einfach kooptiert werden können. Und ich glaube, dass wir einer Linken revolutionären Charakters mehr Substanz geben müssen, das Wort “revolutionär” zurückfordern. Wenn jemand “Revolution” sagt, stellt man sich gleich einen Typen mit Poncho und geschultertem Gewehr vor. Und nein, ich glaube es hat nichts mit der Ästhetik zu tun, sondern damit,die materiellen Bedingungen, unter denen sich das Leben der Mehrheit der Chilenen abspielt, tatsächlich zu ändern. Und das ist eine tiefgreifende Änderung im System. Und das schließt ohne Zweifel mit ein, auf die Verfassung zu zielen. Aber wir wissen, dass dies langwierige Prozesse sind. Pancho Figueroa – Vize-Präsident der Fech – sagte letztes Jahr, wir sind gekommen um zu bleiben, dies ist nicht einfach ein Wutanfall, wir bitten dem Staat nicht darum, uns die Probleme zu lösen. Nein, wir wollen Teil der Lösungen sein.

PW: Und in diesem Moment, wie steht die Studentenbewegung. Lass mal sehen, heute zum Beispiel: mal wird die politische Reformagenda auf die Tagesordnung gesetzt, dann wieder fallen gelassen; es gibt anscheinend genügend Stimmen um beispielsweise einige Änderungen vorzunehmen. Seht ihr euch da als Akteure oder wollt ihr euch davon distanzieren?

GB: Nein, wir wollen uns nicht distanzieren. Wir stehen mitten in einer interessanten Debatte – welche nicht friedlich ist innerhalb der Studentenbewegung – bezüglich der Frage, welche die Beziehung sein wird, die wir mit der Institutionaliät haben. Denn einige behaupten, dass man keinerlei Beziehung… PW: Also dass man einen eigenen Weg einschlagen muss…

GB: … dass man nicht zum Parlament gehen sollte… Andererseits glauben wir mit anderen Kommilitonen, dass man nicht so naiv sein und nicht glauben sollte, das Parlament würde aufhören zu exitieren nur weil man die Augen schließt, sozusagen. In jenen institutionellen, traditionellen Machtsphären werden Entscheidungen getroffen. Wir müssen ein Auge darauf halten, aber beide Füße auf den Aufbau der Volksmacht (http://de.wikipedia.org/wiki/Poder_Popular_%28Chile%29) stellen. Das ist ein langwieriger Prozess. Aber unabhängig von unseren eigenen Aufbauprozess eigener Kräfte, können wir nicht die gesammte Initiative der chilenischen Elite überlassen, die heutzutage im Parlament vertreten ist. Also müssen wir diese Debatte auch führen.

PW: und wenn du “Volksmacht” sagst: gibt es eine Umdeutung im Bezug auf jene Volksmacht, von der wir in den 70er Jahren sprachen oder nicht?

GB: Auf jeden Fall. Heutzutage glauben wir, dass das revolutionäre Subjekt nicht nur der Mann mit Helm und Hammer ist, sondern alle ausgebeuteten Werktätigen, die in Chile die Mehrheit bilden. Und diese können sowohl mit Hemd und Krawatte, als auch wie ein Fabrikarbeiter bekleidet sein. Hier darf man nicht orthodox sein hinsichtlich der Lektüre der Klassiker. Wir müssen die Realität des 21. Jahrhunderts zu interpretieren wissen. Handbücher anwenden klappt hier nicht.

PW: über historischen Materialismus …

GB: wie das von Marta Harnecker, genau. Wie sollte man auch, was gegen Ende der 60er Jahre geschrieben wurde, so unmittelbar auf 2011 anwenden.Nein, wir müssen uns um unsere Realität kümmern. Wir müssen verortete Politik machen. Wenn nicht, dann beschäftigen wir uns lieber damit, ein Club von Freunden zu betreiben und Tee zu trinken am Wochenende…

PW: Nun gut, Gabriel, aber ihr als Confech habt einen sehr politischen Anstoß gegeben. Ihr habt den Rücktritt von Hinzpeter gefordert. Gibt es sozialen Rückhalt dafür, innerhalb der Bewegung für Bildung? Was meinst du?

GB: Ich war einer derjenigen, die in der Confech gegen die Rücktrittsforderung an Hinzpeter waren. Aber weil ich Teil des Hauptvorstandes bin, muss ich die Entscheidungen der Mehrheit durchführen. Von daher war ich an ihre Übergabe beteiligt. Aber genau aus diesem Grunde war ich dagegen, weil ich glaube, es ist wie das Märchen von Peter und dem Wolf. Man kann den Rücktritt von Hinzpeter tausend mal fordern, aber wenn dahinter keine politische Kraft steht,die diese Forderung unterstützt, hat das gar keinen Sinn. Ich denke, das ist eher ein ästheticher, als ein politischer Akt. Also postulierte ich, dass man einen Prozess in Gang setzten sollte, dessen Folge der Fall von Hinzpeter ist. Aber ich bin nicht daran interessiert, Köpfe von Ministern als Trophäen zu sammeln…

PW: denn es gab sie während der Bewegung des vergangenen Jahres…

GB: … und es hat sich nichts geändert.

PW: genau.

GB: Klar, ich glaube dass Hinzpeter das Letzte ist. Also es gibt kaum jemand rückschrittlicheres als ihn. Er ist zutiefst autoritär; ein Hindernis für die Meinungsfreiheit; sehr verantwortlich für die Verfolgung userer Mapuche-Brüder. Er ist außerdem, glaube ich, politisch verantwortlich für die Repression, der die Studentenbewegung im vergangenen Jahr ausgesetzt war, welche sogar mit einem Toten endete (Manuel Gutierrez). Also von mir aus, hoffentlich verschwindet er. Die Frage ist ob der Umstand, dass er verschwindet, die Probleme löst und außerdem ob wir heute die gesellschaftliche Konstruktion haben, um das zu verlangen. Ich dachte nein, aber die Mehrheit dachte ja, und man musste es durchführen.

PW: In diesem Sinne, wie denkst du werden die sozialen Akteure legitimiert, um an der Politik teilzunehmen? Denn in dem was du sagtest ist eine Spannung “wir kommen in die Politik, wir wollen hier bleiben, aber ich muss auch mein Mandat erfüllen und mein Mandat sind die Studenten der Universidad de Chile”. Wie machen wir das?

GB: Ich glaube dass in der Universidad de Chile – und die Kampagnen waren in diesem Ton – das Bewusstsein vorherrscht, dass wir nicht ausschließlich hier sind, um die Universität korporativ zu behaupten. Das heißt um für ein Paar Groschen mehr oder weniger zu kämpfen. Wir spielen vielmehr eine nationale Rolle. Nun, man muss seine Grenzen kennen. Man darf sich nicht für einen Erleuchteten halten, der die Welt verändern wird. Ich denke, dass die Zeit der Avantgarden vorbei ist und des auf einer Kiste redenden Lenin… als eine große Figur. Wir glauben, dass wir uns mit anderen sozialen Organisationen zusammentun müssen um das chilenische soziale Gewebe wieder aufzubauen, das während der Diktatur zerstört und getrennt gehalten wurde…

PW: zersplittert…

GB: zersplittert, übrigens auch während der Regierung der Concertación.

PW: geschwächt außerdem, oder?

GB: Geschwächt, ja. Es ist ein langwieriger Prozess, in dem wir nicht nachlassen dürfen.

PW: Vor einigen Tagen haben wir das Auftauchen eines neuen politischen Akteures gesehen, geführt von ehemaligen Studentenführern: “Revolución Democrática”, welcher in diesen Tagen seine ersten Schritte gemacht hat.Werdet ihr mit der Autonomen Linken dasselbe machen? Würdest du an so einer Bewegung teilnehmen? Wie seht ihr das und was hältst du auch von “Revolución Democrática”?

GB: Wir haben eine Debatte darüber. Wir wurden als “aparteiisch”etikettiert. Ich bin nicht aparteiisch…

PW: also anti-parteiisch…

GB: Genau, anti-parteiisch. Ich bin nicht gegen die politischen Parteien, ich bin gegen diese politischen Parteien. Gegen die, die heutzutage existieren. Wir sind uns aber darüber im Klaren, dass organisatorische Antworten die politischen Probleme nicht lösen. Also hier geht es nicht darum, morgen eine Partei anzumelden und dass das den Mangel an Politik lösen wird, den wir als soziale Bewegungen haben. Also es ist ein längerer Prozess. Ich begrüße die Initiative von Giorgio Jackson, Miguel Crispi und Nicolás Valenzuela, die Revolución Democrática gegründet haben, ich meine, das ist ein Beitrag. Nun, man muss jetzt mehr auf die Inhalte achten. Bisher haben sie nur eine Webseite mit einer Erklärung guter Absichten. Die ich auf jeden Fall mit unterzeichnen würde, aber es fehlt mehr Klarheit. Ich habe vor ein paar Tagen mit Miguel Crispi gesprochen – bei dem es sich ebenfalls um einen Ex-Präsidenten der FEUC handelt. Über Twitter waren wir an einer Art Podiumsdiskussion beteiligt…

PW: Nun ja, sie wollen Dinge ändern. Sie wollen KandidatInnen aufstellen… Sie wollen sogar in den Wahlkampf einsteigen, nicht?

GB: Ja. Ich finde es gut. Ich glaube, dass wir für die Dinge, die wir angesprochen haben die Verantwortung übernehmen sollen. Was wir als Autonome Linke nun machen werden ist derzeit in Diskussion. Wir hatten gerade eine organische Neuformulierung. Wir sind gerade dabei, eine nationale Struktur aufzubauen. Wir haben Präsenz in verschiedenen Regionen. Wir denken darüber nach, wie wir dies fortführen können, denn wir sind nicht daran interessiert, nur innerhalb der Universität zu bleiben.

Als ich jünger war, ist es mir sehr schwer gefallen, zu verstehen wenn jemand sagte “die Revolution geht nicht durch die Universität”. Und ich schaute mir meine Schule an und dachte “aber in der Universität sind doch all die Revolutionäre, wie kann sie denn nicht da durch gehen?” Und klar, später beim Lesen habe ich verstanden,dass im Grunde die produktiven Sektoren der Schlüssel sind.

PW: und beim Leben, oder? Beim Lesen und Leben. Ok, kommen wir zur Bildungspolitik: ihr wart im Parlament, im Senat diese Woche, oder? Was halten die Fech, die Confech, was hältst du vom Gesetzesprojket zum Profitverbot, das neulich genehmigt wurde? Ist es mehr als gegeben war, ist es weniger, ist es zu löcherig? Wie seht ihr das?

GB: Also was gebilligt wurde war die Idee, dazu ein Gesetz zu erlassen…

PW: Ja, die Idee…

GB: …was noch weit entfernt ist von…

PW: vom Projekt an sich… als Text…

GB: …von der Verabschiedung des Gesetzes. Ich glaube, dass das ein Fortschritt ist. Was verboten wurde, ist nicht der Profitgewinn. Wir sind gegen den Profit auf allen Ebenen im Bereich der Bildung. Was hier verboten wurde ist der Profitgewinn mit öffentlichen Mitteln.

PW: in diesem Begrenzungsrahmen…

GB: … mit staatlichen Mitteln, auf allen Bildungsebenen. Zweifelsohne ist das ein Fortschritt. Denn wir dürfen nicht maximalistisch sein. Wir dürfen nicht die Logik des “alles oder nichts” ansetzen, weil wir wissen, dass das Kräfteverhältnis heute dafür nicht ausreicht. Und der Umstand, dass Leute wie Lily Pérez oder Antonio Horvath dieses Projekt von Cantero unterstützt haben, scheint mir ein Schritt nach vorne zu sein. Und das Projekt im allgemeinen finde ich gut. Ich stimme zu, dass wenn es genehmigt werden würde, so wie es ist – und falls sie es nicht entstellen wenn man die Änderungsvorschläge formuliert – es ein Beitrag für eine der Forderungen der Stundenbewegung sein könnte.

PW: Ok, aber da ist anscheinend der Beweis für ein Kräfteverhältnis,welches in Reformen neu aufgelegt werden könnte, oder?

GB: …ja…

PW: Es gibt mehr oder minder einen Block, der sich gerade bewegt.

GB: es gibt eine Blockbildung mit den Liberalen aus RN (Renovacion Nacional), aber es gab ein… Na ja, das hat damit zu tun, wie sich die Regierung sortiert. Es gab für die Regierung so etwas wie ein Staatsstreich der konservativsten Kräfte mit der Kabinettsumbildung. Wir werden sehen, wie sie sich jetzt sortieren. Die UDI (Unión Demócrata Independiente) hat sehr deutlich gemacht, dass sie nicht verfügbar ist für politische Reformen. Also werden sie eine sehr knifflige innere Spannung erleben. Man muss auch sehen, was die DC (Democracia Cristiana) sagt, die wir nicht etwa als einen von uns zählen dürfen. Man muss auf die Ereignisse sehr aufmerksam achten.

PW: Wir sind in Contrapunto in Radio Tierra. Diesmal mit Gabriel Boric, dem Präsidenten der FECh. Wir machen eine kurze Pause und starten dann wieder…

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