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“Schwarm und Gemeingut gegen ACTA” – Sender FN denkt nach

2. Februar 2012 in Blog - alle Themen

Beim Sender Freies Neukölln heute erschienen:
Bedenkenswertes in Sachen ACTA und Creative Commons,

http://www.sender-fn.de/2012/02/schwarm-und-gemeingut-gegen-acta/

“… Es gibt aber genug Gründe, kreative Ergüsse grundsätzlich der Contentmafia zu entziehen. Ich will hier nicht darüber diskutieren, ob Filehoster wie Megaupload nun eher Robin Hoods sind oder eigentlich Verbrecher. Es ist mir am Ende auch ziemlich egal, ob der ganze Riesenhaufen Geld, der in der Branche verdient wird, nun in Form von silbernen Scheiben bei Mediamarkt oder mittels Pornowerbebannern auf der Torrentsuche umgesetzt wird. Es ist mir auch egal, ob nun Kim Schmitz oder irgendein Sonymusic-Manager die ganzen Erlöse aus einer letztlich verbrecherischen Auffassung des Urheberrechts abschöpft. Auch hier gilt es schlicht, das bestehende System zu verlassen. Auch hier gilt es, beginnend bei seinen eigenen Kreationen, sich als Teil des Schwarms zu begreifen und den künstlerischen Wert eines Werkes nicht an seinem Geldwert zu bemessen …”

und ein süßer winterlicher Kurzfilm, der das ganze Creative-Commons-Prinzip der freien Lizensierung noch einmal erläutert:

Der Text des Artikels von MM komplett:

“ACTA naht, und es wird höchste Zeit, dass dieses geplante Abkommen auch hierzulande mehr Gegenwehr erfährt. Im Netz kursiert derzeit der 11. Februar als Datum für Großproteste gegen dieses dubiose Antipiraterieabkommen.
Dubios vor allem auch deshalb, weil es mal wieder jenseits demokratischer Strukturen zwischen Interessenvertretern ausgehandelt wurde und nun die Parlamente das Ganze lediglich abnicken sollen. Dringend sollte dieses Thema mehr Aufmerksamkeit erhalten und die Gegendemonstrationen viel Zulauf.

ACTA ist zum einen eine neue Möglichkeit, für den offensichtlich bei einigen heißbegehrten Überwachungsstaat zu plädieren, es ist aber auch ein Stück über einen mindestens seit dem Buchdruck völlig aus den Fugen geratenen Begriff des Urheberrechts. Deshalb möchte dieses Thema auch zum Anlass nehmen, mal wieder dazu aufzurufen, eigene Inhalte grundsätzlich und erkennbar unter freien Lizenzen zu veröffentlichen.

Bspw. “Creative Commons”-Lizenzen werden bisher leider vor allem als eine Möglichkeit juristischer Absicherung betrachtet, um Missbrauch auszuschließen und um Musikern den Weg an die ÖffentLichkeit zu erleichtern; sie dienen häufig nur als eine Art Sprungbrett, um Inhalte bekannt zu machen, bis ein Verlag oder Label darauf aufmerksam wird.
Es gibt aber genug Gründe, kreative Ergüsse grundsätzlich der Contentmafia zu entziehen. Ich will hier nicht darüber diskutieren, ob Filehoster wie Megaupload nun eher Robin Hoods sind oder eigentlich Verbrecher. Es ist mir am Ende auch ziemlich egal, ob der ganze Riesenhaufen Geld, der in der Branche verdient wird, nun in Form von silbernen Scheiben bei Mediamarkt oder mittels Pornowerbebannern auf der Torrentsuche umgesetzt wird. Es ist mir auch egal, ob nun Kim Schmitz oder irgendein Sonymusic-Manager die ganzen Erlöse aus einer letztlich verbrecherischen Auffassung des Urheberrechts abschöpft. Auch hier gilt es schlicht, das bestehende System zu verlassen. Auch hier gilt es, beginnend bei seinen eigenen Kreationen, sich als Teil des Schwarms zu begreifen und den künstlerischen Wert eines Werkes nicht an seinem Geldwert zu bemessen.
Jede kreative Schöpfung entsteht mittels neuronaler Vernetzungen in unseren Hirnen, und all diese Hirne sind wiederum über gemeinsame Eindrücke vielfältigst vernetzt. Es war im Zweifel ein Nebensatz im Hintergrundradio bei Oma, der das neuronale Feuerwerk in uns ausgelöst hat, welches zu einer Grundidee für ein Drehbuch, eine Melodie oder was auch immer geführt hat. Und auf dem Weg von Oma zur Stammkneipe begegnet uns ein Jongleur, eine Prostituierte, ein alter Kumpel oder ein Streifenpolizist. Wir werden den ganzen Tag mal toller und mal weniger toll belämmert mit Musik, Texten, Infos, Eindrücken, Bildern usw. Die einen formen all das dann bewusst oder unbewusst zu einer Geschichte, die sie am Tresen laut heraus posaunen, die anderen machen daraus einen Blockbuster, ein Kinderbuch oder ein Strickmuster.
Ist es wirklich in Ordnung, wenn damit aber Millionen verdient werden, und zwar weder von der Prostituierten, noch von dem Streifenbullen, noch vom Autor? Sondern von irgendwelchen Checkern, die den richtigen Riecher hatten? Nur weil irgendjemand jemanden unter Vertrag hat, der phänomenal einen Orgasmus beschreiben kann – soll so einer sich deswegen Nutten leisten können, die ihn glauben machen, dass er ihnen einen verschafft hat?!?

Vor allem widerspricht das doch allen Vorstellungen einer möglichen anderen Welt, wenn Kommunikation untereinander (und Kommunikation mittels geistiger Schöpfungen spielt dabei eine ganz zentrale Rolle) vor allem davon abhängig gemacht wird, wie viel Geld in die Vermarktung einzelner Meme gesteckt wird, und nicht endlich dem Schwarm überlassen wird, was für den Schwarm interessant ist.

Wir sollten grundsätzlich beginnen, unser Leben und unser Zusammenleben anders zu betrachten. Hier ist ansonsten viel die Rede von Revolution, Systemwechsel, Basisdemokratie usw.
Die Verteidigung des Urheberrechts ist nichts weiter als ein Verharren im Prinzip der Konkurrenz. Was erdacht, produziert, fantasiert, erlitten, erstritten oder ersonnen wird, wird in den allgemein gesellschaftlichen Wettbewerb der Ideen geschmissen und dort vermarktet. Mit der Wurst gehts nicht anders, auch nicht mit Senf oder Rattengift. Die Nachfrage bestimmt den Preis, das Marketing die Nachfrage, die Menge des Geldes, die in die Verbreitung gesteckt wird, bestimmt, was Mainstream wird, was Kult oder was hip oder flop wird.

Okay, wir finden mit Recht, dass geistige Arbeit Arbeit ist und dementsprechend honoriert werden sollte. Natürlich sollte ein Blogger, der sein Publikum mit seinen Texten, Videos oder whatever fesselt, auch davon leben können. Das ist grundsätzlich richtig, aber auch kreative Schöpfungen sollten zuallererst als Gemeingut betrachtet werden, weil sie das letzten Endes sind, eben weil niemand im luftleeren Raum agiert. Ich persönlich empfinde es als riesiges Privileg, Filme überhaupt machen zu können, ich versuche zu lernen, mich vor allem geehrt zu fühlen, wenn andere ihre Zeit dafür aufwenden meine Ergüsse zu betrachten – ich tendiere gelegentlich eher dazu, diejenigen, deren Zeit ich fresse mit meinen Werken, zu entlohnen … Jeder kennt das doch, wenn er bspw. versehentlich eine SPON-Kolumne gelesen hat, dass man hinterher denkt, verdammt, wieso kriegt der Schreiberling für diesen Dreck eigentlich Geld, und nicht ich dafür, dass ich diesen Quatsch gelesen habe?

Nun ja, vielleicht führt das ja auch zu weit. Und es ist wahr, ich muss auch ganz schön viel (andernorts) dafür arbeiten, dass ich mir Kameratechnik, Schnittsysteme, Reisekosten usw. leisten kann. Und es wäre schöner, wenn sich die Filmarbeit von selbst finanziell tragen könnte und alle beteiligten Darsteller, Tonleute usw. in bescheidenem Maße davon leben könnten. Das wäre toll, aber ich bin schon lange nicht mehr dazu bereit und in der Lage, mich deshalb mit meinen Filmen und Texten gängigen Marktgesetzen zu unterwerfen, die ich für falsch halte. Ich bin nicht bereit, ein Verwertungsrecht an jemanden zu verkaufen, wenn ich nicht glaube, dass es solcherlei Verwertungsrechte überhaupt geben kann. Wie kann es bspw. möglich sein, dass ich Bewegtbilder von barbusigen, ernsthaften, ukrainischen Aktivistinnen schieße und dann daran mehr Rechte habe als die Mädels, die ihre nackigen Brüste auf die Straße bringen?

Es gibt Mittel und Wege, wie eine faire und respektvolle Bezahlung für kreativ agierende Menschen zu realisieren wäre. Es gibt Crowdfunding, Flattr, Micropaymentsysteme usw. Es gibt in dieser Richtung leider bisher keine ausreichend etablierte Kultur; User unterscheiden in der Regel nicht zwischen illegalen oder legalen Umsonstdownloads. Kaum einer begreift, dass er auf einer Seite mit Werbung letztlich auch bezahlt. Man gewöhnt sich so sehr an Werbebanner, dass man gar nicht merkt, wenn irgendwo keine erscheinen …
Aber das liegt auch an all denen, die Inhalte frei verfügbar ins Netz stellen.
Deshalb rufe ich hiermit dazu auf, macht es kenntlich! Ballert große CC-Logos da hin, wo sonst Werbung plaziert ist! Erzählt es weiter, seid stolz darauf und fangt an, selber zu glauben, dass das erkannt, gewürdigt und in gewissem Sinne auch entlohnt werden wird! Benutzt Creative Commons nicht verschämt, weil ihr glaubt, so erfolglos zu sein, sondern macht es offensiv, weil es den künftigen Gepflogenheiten einer bereits existierenden, fließenden, schwärmenden, strömenden Kultur entspricht!

Und öffnet euch damit auch einer weltweiten Szene, Bewegung, einem Prozess, vernetzt euch darüber, dass ihr vernetzbar seid, weil ihr wisst: DER SCHWARM BIN ICH.

P.S.: Als ich anfing, diesen Artikel zu schreiben, wollte ich eigentlich eine Anleitung verfassen, wie man unter welchen Umständen CC-Lizenzen verwendet, was sie bedeuten usw. Jetzt ist daraus ein anderer Text geworden, deshalb passt das nicht mehr so richtig hier hin. Darum empfehle ich noch kurz diesen Artikel hier, wo man die Module der einzelnen Lizenzen ganz gut vorgestellt bekommt, und verweise natürlich ansich auf die CC-Homepage. Mein Lieblingsmodul ist übrigens SA (share alike), das halte ich für den Obertrick, der es für mich an sich unnötig macht, die kommerzielle Nutzung auszuschließen, weil share alike bedeutet, dass jeder, der den Inhalt benutzt, das neue Werk wieder unter denselben Bedingungen zu veröffentlichen hat. Das dürfte für große Konzerne bspw. ausgeschlossen sein. Deshalb Obertrick. (Dass nicht alle Filme hier auf diesem Blog so lizensiert sind, liegt zumeist an der verwendeten Musik, die eine strengere Lizenzierung vorsieht, und die natürlich so weitergegeben werden muss). Nun ja. Haut rein, und lizensiert euren Kram eben so frei, wie’s irgend geht!”

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