Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen!

3. Februar 2012 in Blog - alle Themen

überwindbar i t o n

Was geistern in den letzten Wochen hier für Gespenster herum? Euroskeptiker, die ihre Stimme für partikulare deutsche Mittel- und Oberschichtsinteressen erheben. Strippenzieher-Suchende, die unsere gesellschaftlich-kollektiven Verfehlungen auf einige wenige projizieren: Das Unvermögen, die Bedürfnisse und Sehnsüchte aller Wesen bewusst zusammenzuführen.

Ja, das momentane Europa ist ein Europa des Kapitals. Doch die Lösung kann doch nicht sein, sich an den deutschen Teil der Lebenszeitvernichtungsmaschine anzuschmiegen. In der Hoffnung, durch vorauseilende Aufgabe der eigenen Ansprüche an das, was Leben wirklich werden könnte, auf den Zug der Ausbeutungsprofiteure noch irgendwie mit aufspringen zu können.

Ein „Wir Deutschen“ hat was mit der Identifikation mit dem deutschen Kapital zu tun. Wo man dann alle mit ins Boot holt, gegen die Andern. Dafür wurde in der deutschen Sprache auch der Begriff Volk von den Nazis genutzt und für immer verbrannt. Besser ist es heute wohl von Bevölkerungen oder einfach von Menschen zu sprechen.

Wieso ist vieles so verwirrend bei unserem Aufbruch? Da wir uns durch ein von Widersprüchen strukturiertes Gebiet manövrieren. Das liegt meiner Meinung nach unter anderem daran, dass viele bei EDJ/Occupy/aCAMPada aus der Mittelschicht kommen und diese auch erreichen wollen. Ich teile den Ansatz, die Menschen aus der Mittelschicht mit unseren menschlichen Formen anzusprechen. Doch fehlt da meiner Meinung nach ein wichtiger Zwischenschritt. Die alltagspraktische Verbündung mit den vielen Nicht-Mittelschichtlern.

Was macht denn nun die Mittelschicht aus? Es ist der Bereich der Gesellschaft, in dem Menschen Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum bekommen, da sie an der Durchsetzung und Ausfeilung der Instrumente der Herrschaft mehr oder weniger bewusst mitwirken.
Dadurch eröffnet sich ihnen ein wichtiges Element menschlicher Existenz: Handeln zu können. Zwar innerhalb einer Stress- und Egoismus-Struktur und auf die Produktion von allerlei Unsinn ausgerichtet, doch dies sind lebensermöglichende Wege für diese isolierten Subjekte. Wege, die mit allerlei kleinen Belohnungen gepflastert sind als Bezahlung für den Verzicht, den sich in der eigenen Bauchregion andeutenden Skrupeln nachzuforschen.

Viele bei EDJ/Occupy/aCAMPada kommen aus diesem Umfeld, in dem sie partiell von den herrschenden Gesellschaftsprozessen profitiert hatten, und haben nun keine Lust mehr darauf.

Doch nicht nur die eben geschilderten Verdrängungsprozesse und die halb-bewusst verwehrte Aufmerksamkeit gegenüber der Erinnerung ans Menschliche produzieren Konformität mit dem Bestehenden.
Erst einmal sind die in einer Gesellschaft herrschenden Gedanken sowieso oft die Gedanken der Herrschenden und somit konform. Mittelschichtler stecken außerdem oft in der Sprache und den Denkweisen der Herrschaft mehr drin als der große Teil der Menschen, die bisher nicht von der Gesellschaftsstruktur profitiert haben. Denn sie sind halbaktiv eingebunden in die Ausbeutungsmechanismen und unser Tun prägt immer unsere Denkweisen.

Für die Einzelnen sieht es teilweise wohl wie folgt aus:
Bisher unbekannte Lebensrealitäten lassen uns oft sprachlos stutzend bemerken, dass unsere Worte und unser Denken diesen Realitäten einfach nicht gerecht werden.
Doch die heutigen Anforderungen, als ein unfehlbares, stets souveränes Subjekt zu wirken, lösen bei vielen Menschen eher den Drang zur Erfassung jener unbekannten Welten mit Begriffen aus, die ihnen nicht angemessen sind und von den Erfassten als Gewalt empfunden wird. Jene Begriffe werden dadurch zu einem Kontrollsystem und es ist nur eine Frage der Zeit und der Entschlossenheit der Kontrollierten, bis sie ein „I can‘t walk in your shoes/Eure Schuhe passen mir nicht“ erschallen lassen.

Der Anspruch von EDJ/Occupy/aCAMPada, da nicht mehr mitzumachen und sich zuzuhören ist ein wunderbarer Weg. Denn dadurch dehnen wir nach und nach unsere Welten zueinander hin aus und lassen sie sich gegenseitig bereichern und verständlich werden.
Das jedoch ist sehr viel Arbeit, wenn sich die Wirklichkeiten stark unterscheiden.

Wichtig ist, dass wir uns damit auseinandersetzen, was für Beteiligungshürden EDJ/Occupy/aCAMPada für viele Menschen noch hat. Knapp ein Drittel der Menschen in Deutschland macht ein Abitur und nur ein Viertel einen akademischen Abschluss. Wenn wir jetzt EDJ/Occupy/aCAMPada angucken, fällt auf, dass es fast nur EDJ/Occupy/aCAMPada-Gruppen in Städten gibt, die größere Universitätsstandorte sind. Und die bei uns Beteiligten kommen oft aus diesen Zusammenhängen oder aber aus dem Erwerbslosen-Bereich – manche pendeln auch zwischen beiden hin und her. Das sind somit Gruppen, die Zeit haben oder es sich leisten können, sich Zeit zu nehmen. Und da ist die Krux. Die Menschen, die bis jetzt nur wenig bei EDJ/Occupy/aCAMPada sind, sind die, denen die Lebenszeit-Raubmaschine am heftigsten zusetzt: Kein Geld um in der wenig verbliebenen selbstgestaltbaren Zeit sich groß auf experimentellen Pfaden zu bewegen, da auch eine nur temporäre Arbeitsunfähigkeit, die mit Experimentieren oft einhergeht, schon den Verlust der Existenzgrundlage bedeuten kann.

Doch unsere gesellschaftliche Situation macht gerade aus, dass vielen Mittelschichtlern ihre bisherige Lebensgrundlage immer mehr wegbröckelt und sie sich diesem prekären ökonomischen Niveau annähern. Bei solchen Prozessen hat sich in der Geschichte stets gezeigt, dass es von enormer Wichtigkeit ist, ob sich diese abstürzenden Mittelschichtler mit dem Großteil der Entmachteten verbinden, deren ökonomische Situation sie mehr und mehr teilen. Oder ob sie sich an die Elite klammern, denen sie bewusstseinsmäßig näher stehen, nach unten treten und somit dem Aufkommen autoritärer Krisenlösungen auf Kosten Anderer Vorschub leisten.

Bei gesellschaftlichen Aufbrüchen, die auf Transformation hin zu egalitäreren Verhältnissen zielen, versuchen die herrschenden Kräfte oft, diese zu integrieren ohne dass wirkliche Veränderungen geschehen. Récuperation nannten das die französichen Situationisten Mitte des 20. Jahrhunderts.
Wenn es also um eine solidarische Gesellschaft für alle Menschen gehen soll, so muss bei Gesprächsangeboten von Mittel- und Oberschichtlern immer aufgepasst werden, ob hier eine Instrumentalisierung für den Erhalt von Partialinteressen stattfindet, die mit aktivistischem Glanz ausgeschmückt werden soll. Oder ob ein wirkliches Bedürfnis besteht, sich mit allen Menschen zu solidarisieren und sich für sie einzusetzen.
Sich wirklich einzusetzen heißt, die eigenen Privilegien nicht mehr für sich sondern für andere zu nutzen.

Ich bin dafür, dass die Mittelschichtler unter uns eins noch intensiver betreiben und andere Mittelschichtler stärker noch dazu auffordern sollten: Klassenverrat.

2 Antwort auf Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen!

  1. Es stellt sich ja mittlerweile schon die Frage, ob sich diese Mittelschicht ihre Existenz nur noch einbildet!
    Ansonsten kann ich nur zustimmen…
    Danke für diesen Artikel…

  2. Ein sehr überlegter Artikel, der auch die Schwirigkeiten anspricht. Besonders die Attribute die sich nicht nur mit der freien Ideeologie auseinandersetzten sondern sondern sich dem Umsetzen von handlungsweisen widmen, kommen in bedächtiger aber guter Art und Weise raus.

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