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Hei – das war ein Wochenende: An zwei Tagen drei Mal Demo!

25. Januar 2012 in Blog - alle Themen

von Rainer Thiel (UMOD)

Am Sonntag, 15. Januar, verließ ich mein Dorf in Spreewald-Nähe und fuhr nach Berlin-Friedrichsfelde zur Gedenkstätte der Sozialisten, zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Für mich ist das kein Ritual. Seitdem ich weiß, dass Rosa und Karl ermordet wurden, bin ich mit Wut geladen, und allmählich begriff ich, dass mit diesem Mord die Vorbereitung des zweiten Weltkriegs begonnen wurde. Mit Rosa und Karl waren die Proletarier ihrer gründlichsten Denker beraubt worden. Wie in jedem Jahr am LL-Gedenk-Tag werden rote Fahnen zur Gedenkstätte getragen von Linken aller Schattierungen, bis hin zu linken Sozial-Demokraten, das freut mich, ich sehe gern die roten Fahnen, ich wünsche nur, dass sich die Fahnen-Träger unseren zögernden Mitbürgern zuwenden.

Mit diesem Hintergedanken fuhr ich von Friedrichsfelde mit der U-Bahn zum Alexanderplatz, zum Neptun-Brunnen. Dort versammelte sich Occupy, die Bewegung junger Leute, denen die Linken noch nichts von Rosa und Karl erzählt haben. Aber die jungen Leute sehen sich um ihre Perspektive betrogen durch dasselbe System, in dem die vielen Älteren ermordet worden sind, auf den Schlachtfeldern der Weltkriege und zwischen den beiden Kriegen. Den jungen Leuten – viele Studenten unter ihnen -  geriet der Frust zur Wut der Empörten, endlich, endlich. Sie umzingeln Groß-Banken und Regierungsgebäude, für Stunden nur, aber zwischendurch gehen sie nicht nach Hause, nein, von ihnen werden in Nähe der prekären Gebäude Zelte aufgeschlagen. Dort hatte ich sie schon mehrmals besucht. Den etablierten Parteien trauen sie nicht. Ich habe mich bescheiden vorgestellt, auf gleicher Augenhöhe, und nur angedeutet, dass ich mich in Bürger-Initiativen rühre. Das aber interessierte die jungen Leute, und so kam ich ins Erzählen. Nach einer Stunde fragte ich mich selber: Kann ich ihnen mein neuestes Buch anbieten? Der Titel heißt „Neugier, Liebe, Revolution“. Die ersten beiden Worte werden ihnen gefallen, dachte ich, doch das Wort „Revolution“? Ich wagte es, das Buch aus meinem Rucksack zu ziehen, und sie waren begeistert von allen drei Worten.

So war auch die Demo vom Neptunbrunnen ins Regierungsviertel, mit Zwischen-Halt und Offenem Mikro. In vielen Abwandlungen die Rufe „Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden“. Aber nicht nur so allgemein, sondern konkret: Zum Beispiel „Banken in die Schranken – Banken entmachten – Großbanken enteignen – Die Systemfrage stellen“. Zwischendurch auch Bezugnahme aufs sog. Grundgesetz, Artikel 1, 2, 14, 15, 20, denn dort heißt es, „Eigentum verpflichtet“. Und wenn der Staat sich nicht verpflichtet fühlt, die Würde des Menschen zu schützen und zum Wohle der Allgemeinheit die Enteignung von Großbanken ins Kalkül zu ziehen, dann ist die verfassungsmäßige Ordnung in Gefahr. Dann „haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“. (GG Artikel 20.4)

Eigentlich wollte ich mir Aufschriften von Transparenten und Stichworte von Rede-Beiträgen notieren, doch Steno kann ich nicht, meine Finger waren kälte-klamm, und ständig traf ich Freunde, die sich mit mir freuten. Aber zwei Events kann ich erwähnen: Auf einem Transparent stand geschrieben: „Systemfrage stellen statt Sündenböcke nennen“. Ich hätte lieber geschrieben: „Sündenböcke nennen genügt nicht – Systemfrage stellen!!!“ Ich weiß ja, dass auf Demo´s Sündenböcke angeprangert werden, doch das genügt nicht. Wir sollten bis zur System-Frage vordringen. Das können wir doch lernen!

Mehrere Redner erwähnten die Rolle von Facebook in Ägypten. Ein Redner sagte, wenn es das Internet schon 1917 gegeben hätte, dann wäre der basisdemokratische Oktober-Aufstand in Russland 1917 auch von Amerika wahrgenommen worden. Dann hätten sich die Entrechteten in der ganzen Welt ermutigt gefühlt. Während wir Unter den Linden Richtung Regierung zogen, wurde auch gerufen „Hoch die internationale Solidarität“. Diesen Ruf hatte ich zum ersten Mal bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1951 gehört. Mit anderen Worten wurde das auch bei Occupy ausgedrückt. Und nun nähern sich die Traditionslinien einander!!! „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!!!“ Das ist auch die Idee von Occupy.

An der Demo nahmen etwa 2000 Personen teil. Leider wurde von der Sozialistischen Tageszeitung „Neues Deutschland“ die Zahl auf 700 reduziert. Warum macht man das? Vergleichbares habe ich schon oft erlebt. Freilich waren zur Gedenkstätte der Sozialisten ca. zwanzig Tausend gezogen, diese Demo hat Tradition seit Jahrzehnten. Doch die Zahl der Polizei-Autos, von denen Occupy begleitet wurde, war größer als deren Zahl bei den roten Fahnen. Occupy wollte ja auch über den „Platz der Republik“ im Regierungsviertel ziehen. Auf den „Platz der Republik“ durften wir aber nicht. Dieser Platz ist ja nicht dem Volke gewidmet. Den Polizisten wird das von uns nicht angelastet, wir vermieden ebenso wie sie die engere Berührung. Versehentlich stürzte ich einem Polizisten in die Arme, weil ich an einem Bordstein gestolpert war. Da haben wir beide gemeinsam gelacht. Und zum Abschied sagte ich einem Polizisten „Tschüs“, das wurde von ihm freundlich erwidert.

Nun lief ich zum nahen Hauptbahnhof. Dort aber – in der Bahnhofshalle – hielten Occupyer eine Bürger-Versammlung ab, eine Assemblea. Dazu nahmen sie mit ihren Hintern Platz, ca. 40 Leute auf ca. 60 Quadrat-Metern in der weiten Halle. In respektvollem Abstand Bahn-Beamte und Polizei-Beamte. Sie waren unschlüssig, ob eine Spontan-Demo in einem öffentlichen Gebäude legal sei. Also habe ich darauf verwiesen, dass seit vorigem Jahr eine Spontan-Demo auch in einem öffentlichen Gebäude zulässig ist, höchstrichterlich entschieden. Die Polizisten beriefen sich dagegen auf die ältere Regelung. Aber wir konnten – beiderseits freundlich – darüber Gedanken austauschen. So verging die Zeit, und die Bürgerberatung von Occupy ging weiter.

Nach einer halben Stunde rückten aber von draußen viele Polizisten in den Bahnhof ein. Vorsichtig noch umstellten sie die Assemblea. Nach fünf Minuten berührte mich ein Polizist sanft an der Schulter. Trotzdem sagte ich ihm: „Ich fasse Sie doch auch nicht an.“ Plötzlich aber ging es los, etwa zehn Polizisten sprangen in die Bürgerversammlung und griffen sich junge Frauen, die sich von der Sitz- in die Liege-Lage begaben, je zwei Mann schleppten junge Frauen nach draußen zu den Polizei-Autos. Freunden von mir war aufgefallen, dass dabei auch der Mund-Nase-Griff angewendet wurde. Leider war ich nicht darauf eingestellt, dass die Greif-Lustigen ebenso plötzlich wie ungeordnet vorangehen würden, sonst hätte ich ihnen meine offenen Hände entgegengestreckt mit dem Ruf „Keine Gewalt, keine Gewalt!“ Das war schon manchmal gelungen, von Polizisten auch respektiert. Jetzt aber ärgerte mich eine weitere Panne: Die Occupyer hatten ja überhaupt gar keine Demo abgehalten. Sie hatten eine Bürgerberatung abgehalten, und diese wurde von einigen Polizisten gewaltsam angegriffen. Nachdem der Überfall vorbei war, sprach ich mit einem Polizisten. Der gab mir recht: Es war eine Bürgerberatung.

Am folgenden Tag war ich wieder in Berlin, zur Unabhängigen Montags-Demo am Fernsehturm. Doch zum Bericht möchte ich einen neuen Anlauf nehmen. Mein Freund Hans Haase – Inspirator der Unabhängigen Montags-Demo UMOD vorm Fernsehturm – hatte die Kundgebung am Neptunbrunnen eröffnet, mit Respekt und Dank an die Occupy-Freunde. Immer häufiger besuchen wir uns gegenseitig.

Für heute herzlichen Gruß

Rainer Thiel  .

 

achja PS: um unsere Zusammenarbeit zu vertiefen sollten wir die Gelegenheit nutzen und auch der Montagsdemo wieder Auftrieb geben. Wir könnten damit ein aus meiner Sicht wichtiges Signal setzen! 30.01.2012 UMOD 18.Uhr (Unabhängige Montagsdemo) direkt am Fernsehturm. Bitte kommt zahlreich. Open Mic! Hier die entsprechende VA http://www.facebook.com/events/226862874065214/ Danke Que

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