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Offen radikal bleiben, verdammt!

13. Dezember 2011 in Blog - alle Themen

Und plötzlich machen sie Politik, die Occupies! Plötzlich werden Forderungskataloge aufgestellt, Deklarationen verfasst und am allerlustigsten: es wird sich distanziert! Occupyberlin distanziert sich vom Bundespressecamp, Occupy Deutschland distanziert sich vom Attentatsversuch auf Ackermann, bevor irgendjemand überhaupt auf die Idee kommt, Occupy damit in Verbindung zu bringen. Aber klar, solche Erklärungen zu verfassen und auszutüfteln, Occupy Deutschland zu sein, das ist halt schon was, da dürfen keine Fehler mehr passieren, weil dann kommen andere Organisationen ins Spiel, da sind dann die Profis am Werk, deshalb schließen sich die Occupyprofis inzwischen auch zu geheimen Zweckverbänden zusammen. Die geheime Facebookgruppe ist zwischenzeitlich das beste Tool um effektiv und schnell eine Großdemo zu organisieren. Häbitte????!!!!$&§$))?????

Was sind wir denn nun, eine Erfrischungskur für Attac und die Linke? Der zeltende, außerparlamentarische Arm der Piraten?

Man liest und hört plötzlich Sätze wie “die Asamblea zerredet immer nur alles”, “verteilt den Link nur an diese und jene Personen, dann sind wir auch effektiv”, “da sind doch nur Arbeitslose, die zu viel Zeit haben zum Philosophieren”  …

Mal ganz im Ernst, ich weiß nicht genau, was Occupy eigentlich ist und bedeutet, weil ich war nie Occupy, ich bin nur manchmal Occupy Deutschand, wenn ich bspw. Briefbomben abschicke ;-)

Die Occupybewegung ist aus den weltweiten Demokratiebewegungen hervorgegangen, die die westliche Hemisphäre über Spanien erreicht hat. Dahinter steckt ein uralter Grundgedanke, nämlich der, dass alle gleichermaßen an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen teilhaben sollen, dass Revolution bedeutet, transparente Strukturen zu schaffen und die Menschen auf einem langen Weg wieder dazu zu bringen sich zu unterhalten, gemeinsam zu denken und zu handeln. Dabei kommt man nicht umhin, das gesamte derzeit bestehende System in Frage zu stellen, sich in eine angemessen große Distanz zu jetzigen Strukturen und Repräsentanten zu begeben, selbst radikal bereits jetzt zu praktizieren, was irgendwann in einer leider wahrscheinlich fernen Zukunft dann für alle gelten darf.

In der Tat scheint mir das Allerallerentscheidenste zu sein, dass wir klar und deutlich an Strukturen arbeiten, an denen wir aufzeigen, wie es funktionieren kann, auch mit sehr vielen Menschen (nämlich mit allen) auf Augenhöhe handlungsfähig sein zu können. Diese Strukturen sind unsere Forderung, nach meinem Verständnis.

Derzeit zeigen sich bereits erste Auswirkungen des revolutionären Handelns auf Politik und Politiker. Die Occupyoderwieauchimmersieheißt-Bewegung schickt spürbar erste und deutliche Impulse in Politik und Gesellschaft. Man sucht den Dialog, etablierte Protestorganisationen wittern Morgenluft und suchen Kontakt. Ich finde es richtig, auf solche Anfragen einzugehen und Gespräche ernsthaft zu führen, daran führt auf Dauer sicherlich kein Weg vorbei.

Aber es muss immer absolut klar sein, dass der Geist dieser Revolution keine Verhandlungssache ist! Dass unsere Distanz zum herrschenden System riesig ist und unüberwindbar! Dass wir keine Kompromisse eingehen können und wollen, weil wir damit bereits im politischen Alltagsgeschäft angekommen wären. Diese ersten Anzeichen dafür, dass wir gehört werden, sind nämlich verführerisch. Erfolge werden verständlicherweise herbeigesehnt, doch die kann es derzeit nur auf einer Strecke geben: wir können und müssen erfolgreich von der Selbstermächtigung des Einzelnen erzählen und dafür werben, dass sich in unseren Gesellschaften der Glaube an ein herrschaftsfreies, kooperatives Miteinander verbreitet. Das ist unsere Mission, nichts weiter.

Mein Impuls dafür, diesen Artikel hier zu schreiben, kam u.a. aus einem Blick in die geheime Facebookgruppe, die derzeit die Demo zum 15J vorbereitet. Da wird derzeit der Vorschlag diskutiert, einen Runden Tisch mit Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zu fordern. Ich konnte es kaum glauben, als ich das gelesen habe. Kluge Menschen diskutieren da so etwas und finden es allesamt bislang eine gute Idee. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Idee in einem offenen Diskurs eine Chance hätte. Das geht nur in einer geheimen Facebookgruppe. Und irgendwann dann soll dieser und andere Vorschläge “breiteren Kreisen” zugänglich gemacht werden. Zum abnicken oder was?

Setzen wir uns allesamt monatelang auf dem Alexanderplatz, vor dem Reichstag oder dem Brandenburger Tor auf den dreckigen, nackten Boden um zu demonstrieren und zu diskutieren, um uns dann schließlich an ein Tischchen mit den Mächtigen zu katapultieren!? Besprühen wir unsere Klamotten, Laptops und Bettlaken, blockieren andere in anderen Ländern Häfen, lassen sich zahlreiche Menschen von Plätzen prügeln und mit reichlich Pfeffer würzen, damit dann eine auserlesene Schar von deutschen Occupiern ein Pläuschchen hält mit der Schlabber**** Dr. Angela????!!!!??????

Mir scheint, dass sich viele von den bereits erfolgreichen Impulsen blenden lassen, ich bin mir aber andererseits jedoch sicher, dass diese Impulse bislang nur erfolgreich sind, weil der basisdemokratische, kritische Ansatz radikal gedacht und vorgetragen wurde. Und selbst diejenigen unter uns, die sich vielleicht gar keinen echten Systemwechsel wünschen, sondern nur Reformen wollen, sollten einsehen, dass im tagtäglichen kompromisslerischen Politikgeschäft radikale Forderungen und Haltungen mehr auslösen, als aufgeweichte Annäherungsversuche.
Unsere Dauerpräsenz, unser Durchhalten ist es, was sich in Herzen und Hirne unserer Gesellschaft frisst, was das Subversive und Gefährliche darstellt, nicht unsere Wandlungsfähigkeit und Konzillianz.

Politik machen heißt eben immer sich anbiedern, Politik machen heißt bspw. eine Sprache zu benutzen, die seit Jahrzehnten die Menschen einlullt (so klingt so manches in letzter Zeit formuliertes in Bewegungskreisen), und Politik macht man in der Regel immer für andere, über die man damit in einer Weise bestimmt.

Wie können wir für echte Basisdemokratie eintreten, wenn wir nicht mal glauben, dass eine offen geführte Diskussion es uns ermöglicht, eine Demo zu organisieren? Wenn wir nach Effizienz rufen, wo genau solche Begriffe doch Kern und Unsinn des Konkurrenzprinzips darstellen? Wie können wir glaubhaft sein, wenn wir selbst nicht an zu schaffenden Strukturen arbeiten!? Okay, de Asamblea ist ein schwieriges Unterfangen, aber daran müssen wir doch arbeiten, das müssen wir lernen, verbessern, entwickeln! Es ist doch in Ordnung, wenn sich Leute finden, die etwas in die Hand nehmen, aber können die das nicht in geeigneter Weise transparent tun? Und zwar von Anfang an? Das kann auch in Blogs geschehen, aber sollte eben niemanden ausschließen. Und dann werden sich am Ende immer diejenigen finden, die das am besten zusammen können, was sie zusammen machen wollen. Wenn wir daran nicht glauben, dann sollten wir die Finger von dem Ganzen lassen.

Es mag jetzt etwas befremdlich auf manche wirken, dass ich dies hier so an diesem Fallbeispiel aufziehe. Ich will damit keinem in die Parade fahren oder irgendjemandes Arbeit missbilligen. Das steht mir nicht zu, und das ist nicht mein Interesse, weil ich jeden schätze, der sich hier für das Ganze den Arsch aufreisst. Die beschriebenen Beobachtungen mache ich schon länger, und ich könnte noch einige andere Beispiele aufzählen … Lasst uns bitte, bitte den Grundgedanken bewahren und ihn in allem suchen, was wir tun, weil alles ist politisch oder nichts.

Ich will kein Politiker sein, ich will nicht, dass jemand mir erklärt, wie ich am besten am 15J demonstriere, ich will nicht, dass sich jemand für mich an die Bundeskanzlerin anbiedert. Ich kann darauf verzichten, weil ich in dieser Gesellschaft nichts mehr sein will, ich will ein herrschaftsloses System, ich will Demokratie von unten, ich will ein soziales Miteinander, wo auch die zu Wort kommen, die keine PR-Profis sind. Ich will eine Demonstration, die von denen organisiert werden darf, die mitmachen wollen, wo es keine Blöcke gibt, ich will einfach eine Plattform, um mich zu äußern. Punkt.

Verdammt, so hat das am 15O auch geklappt, ohne effiziente Orgascheiße, der Schwarm, der Schwarm, der wird’s schon richten.

26 Antwort auf Offen radikal bleiben, verdammt!

  1. am alexanderplatz hat man noch darüber gesprochen wie man basisdemokratie im grossen stil und ohne hirachien einführen kann. wie wichtig es ist das wir ein system entwickeln in dem menschen würdig leben können und die nachhaltigkeit für folgende generationen erhalten bleibt. es gab auch kein lable unter dem sich alle versammelt haben, es war eine ansammlung von individuen die versucht hat etwas zu verändern. mittlerweile finden diese dialoge nicht mehr statt und der gruppenzwang hat diese idee so gut wie zerstört. ich weiss schon warum ich berlin verlassen habe ;)

    • ich finde man kann einer ag (in dem fall ag 15j-demovorbereitung) schon zugestehen anfangs mal die die notwendigkeit einer konstitutionsphase zu formulieren. und wenn die ag sagt 25 leute sind zum jetztigen zeitpunkt einfach genug und es ist eh schon am limit dass man so arbeiten kann, kann man das auch mal mit nem gewissen grundvertrauen in die sache akzeptieren… der raum in dem sich getroffen wird ist zudem begrenzt, alle pads sind aber offen zugänglich, es kann sich also sehr wohl auch schon jetzt jeder einbringen…

      für donnerstag ist ausserdem ohnehin geplant den rahmen zu erweitern…details dazu hab ich weiter unten gepostet.

  2. Was ist ‘der Schwarm’?

  3. Na alle natürlich!

  4. Geheime Facebook-Gruppe??? Irgendwie wird das immer mehr eine Zuckerberg Privatveranstaltung. Jemand der Facebook aus gutem Grund nicht nutzen möchte, steht zu nehmend vor verschlossener Tür. Auf der Alex11 Seite kommen längst nicht alle Infos an.

  5. “Am Donnerstag, den 15.12.11, findet ein Vernetzungsreffen zur Vorbereitung der Demo am 15. Januar 2012 statt. Dazu werden breitere Kreise eingeladen.
    Ort und Zeit: 19 Uhr in der Humboldt-Uni, Dorotheenstr. 28, Raum 203.”

  6. Danke, mm! Ich bin Teil eines globalen Protests, ich bin kein Mitglied einer wie auch immer handelnden Entität! Ich bin Empört und das haben wir alle (99%) gemeinsam. Das ist unsere Stärke und wir sollten das erkennen.

  7. Keine Aufregung:

    Wir bleiben einfach bei unseren Grundsätzen und halten diese hoch, so ist es keineswegs so das ein Aktion, eine Gruppe, ein Camp die Bewegung repräsentiert, sie stellen immer nur einen Teil des Ganzen dar. Wenn Leute sich dazu aufmachen für das ganze zu sprechen, einfach darauf reduzieren das es eine Meinung von vielen ist.

    Die Geheimgruppen gehören definitiv dekonstruiert, da wo sie Vereinnahmung organisieren, aber macht sie nicht wichtiger als sie sind. Für den 15 Januar macht einfach eigene Treffen und eigene Öffentlichkeitsarbeit und ignoriert das was aus dem stillen Kämmerlein als Fakt repräsentiert wird und betrachtet es weiterhin als eine Meinung die nicht mehr und weniger als andere Meinungen berücksichtigt werden sollten.

    In der ersten Januarwoche soll es übrigens nochmal ein großes Schilder und Materialienbasteln für die Januarwoche geben, dabei können wir uns ja auch wieder darüber unterhalten wie wir durch unsere Schilder Vereinnahmungsprozessen entgegenwirken.

    Bis dann… und weiter gehts.

  8. Zu den Arbeitsgruppen:

    Das Argument Arbeitfähigkeit nur bis 25 Leute geht auch nur, wenn man nicht in der Lage oder Willens ist an entsprechenden Methoden zu arbeiten die ein Zusammenwirken auch in größeren Zusammenhängen möglich macht. Wer bei Versammlung immer nur an einen runden Kreis denkt in dem linear gesprochen wird, wird da auch nicht weit kommen.

    • Ich finde du bringst die Sache auf den Punkt. Wenn die Lösung des Problems, dass zu viele Menschen teilnehmen, die Reduzierung der Teilnehmer ist, dann ist sie keine Lösung und trägt auch nicht zur echten Lösungsfindung bei. Im Gegenteil sie wird dadurch sogar verhindert.
      Am Ende wird kein Hahn danach krähen, wer diesen 15.J organisiert hat, aber hier geht es um’s Prinzip. Was bringt es für Prinzipien zu kämpfen, wenn man diese über Bord wirft?

  9. ich denke es ist auch wichtig zu erkennen, dass so was meistens ungewollt passiert. ich glaube nicht, dass die an der geheimen gruppe beteiligten vorhatten, andere auszuschließen. gut, dass es leute wie matthias gibt, die so eine entwicklung erkennen, es auch offen sagen und andere daran erinnern, worum es ursprünglich ging. dafür ist auch alex11.org da. in dem moment, wo die idee dieser seite stirbt, sind wir gearscht.

    flo: eine “ag” sollte sich ohne jeglichen zwnag von selbst formen. hier wurden leute selektiert nach “kompatenz” scheiße ist das, das weißt du eigentlich selbst ;)

  10. Xenophobie…???

  11. jegliche einbindung von regierungs- oder parteieelementen und -strukturen führt wieder genau zu dem was kritisiert wird.

  12. Sven, eine Schwärmerei ist pubertär. Ein Schwarm postpubertär. :)

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