Briefe eines argentinischen Revolutionärs an die spanische Bewegung

5. Dezember 2011 in Blog - alle Themen

 

liebe leute, für euch und zum mal drüber reflektieren zwei briefe eines argentiniers an die spanier, im juni geschrieben. ich denke, auch wir sollten uns das hier geschriebene sehr zu herzen nehmen und verinnerlichen. es kann für unsere bewegung sehr wichtig sein, auf daß wir nicht fehler machen, die vermeidbar sind:

 

Ein Rebell des movimiento popular 2001 in Argentinien hat zwei Briefe an die aktuelle Bewegung der Indignad@s (Entrüstete) in Spanien gesandt. Sie stehen auf Indymedia Barcelona und sollen wegen ihres auf realer Erfahrung basierenden Inhalts hierzulande ebenfalls zugänglich sein…. Brief eines der argentinischen Aufständischen von 2001 (siehe: „Que se vayan todos“….., Colectivo de situaciones, Assoziation A)…an die Empörten von 2011, im Monat der Empörung (31.) Mai 2011. „Der Brief des Rebellen, der im Jahr 2001 an der argentinischen Volksbewegung Teil genommen hatte, ist als persönlicher Erfahrungsbericht mit Parallelen zum aktuellen Geschehen in Europa als höchst lesenswert zu empfehlen (so auf Indymedia-Barcelona), pues….

BRIEF 1

Ich werde weder der Erste noch der Letzte sein, der Parallelen zwischen Argentinien 2001/2002 und Spanien 2010/2011 zieht. Als Teilnehmer der Revolution „que se vayan todos“ (in etwa: Sie sollen alle verschwinden!) in meinem Land und als jemand der die nachfolgende Bewegung der Volksversammlungen mitgetragen hat, verfolge ich mit Enthusiasmus was gerade hier passiert.

In all diesen Jahren habe ich über unsere eigenen alltäglichen Aktivitäten nachgedacht und wie wir sie hätten anders machen können. Jetzt sehe ich die Gelegenheit, diese Ansichten/Reflexionen zu vermitteln, da ich sie für wichtig halte. Hier also sind sie:

1) Der radikale Wandel der Gesellschaft wird nicht morgen, er wird generationsübergreifend sein. Wir hatten uns in einer Strömung befunden wo wir dachten, die Instabilität des Regimes wäre hauptsächlich durch unsere Mobilisierungen bedingt, während auch die internen Konflikte der herrschenden Klasse eine grosse Rolle spielten. Der Rat den ich in diesem Sinne geben kann, ist sich nicht allzu sehr mit Demonstrationen und Kraftmassnahmen zu verausgaben um Eure vier Ziele zu erreichen. Diese (er)fordern einen kulturellen Wandel der Zeit brauchen wird; er wird nicht innerhalb von Kurzem durch die Mobilisierung erreicht werden können. Ich verstehe, dass eine solche Meinung wie von oben herab in diesem Moment wenig populär ist, aber sie ist die Schlussfolgerung aus meiner eigenen Erfahrung.

2) Ebenso wie man nicht alle Erwartungen darein setzen darf, die vier Ziele durch Mobilisierungen baldigst zu erreichen, würde ich sagen, dass sie, wenn sie als Massstab genommen werden, sich nicht in eine spezialisierte Bewegung mit allgemeinen und tiefreichenden Zielen verwandeln werden. Die Prozesse der Volksversammlungen (asambleas populares), um so mehr als sie aus einem persönlichen Konflikt heraus entstanden sind und ein grosses, allgemeines Ziel beinhalten, können auch dazu nützen, andere persönliche und alltäglichere Probleme aufzuwerfen. Ich erläutere dies im folgenden Punkt…

3) Setzt bei kraftvollen Aktionen in Euren Gemeinen und Stadtteilen nicht ausschließlich auf die zentralisierte Mobilisierung. Die Machthaber sind auf diese vorbereitet; sie können eine Pariser Kommune ( Madrider in diesem Fall ) niederschlagen; aber eine Bewegung der Kommunen die sich ausbreitet und die im gesamten Land Wurzeln schlägt und sich festigt, ist schon eine andere Sache. Ausserdem ist in den Gemeinden mit einer unterschiedlichen Korrelation der Kräfte zu rechnen, die man sich, einschließlich der existierenden Konflikte zwischen den verschiedenen regierenden Parteien und Regierungsebenen, zu Nutzen machen muss. Anstatt als Volksbewegung auf den Nationalstaat zu zielen, dessen herrschende Klasse und dessen gesamter medialer, politischer und repressiver Apparat sich schützt und sich in einen Feind verwandelt, der nicht mit einem einzigen Schlag und von einer Richtung aus besiegt werden kann.

4) Wenn diese Bewegung aus stabilen Volksversammlungen in allen Städten und Dörfern besteht, wird dies die Realität im Land viel mehr verändern als eine Demonstration in Madrid mit einer Million von TeilnehmerInnen. Dies ist der notwendige Schritt zur Annäherung an die Leute, die bislang nicht (an der Volksbewegung )teil genommen haben, aber sie mit Sympathie betrachten. Die Umwandlung der sozio-ökonomischen Struktur und des politischen Regimes sind die Hauptziele, aber die derzeitige kritische Masse ist nicht ausreichend, um dies innerhalb kurzer Zeit zu erreichen; doch sie genügt um Veränderungen im alltäglichen Leben und den örtlichen Zusammenschlüssen mit der grössten Basis voranzubringen. Anstatt Energie darauf zu verschwenden, erreichen zu wollen, was momentan nicht erreicht werden kann, müssen sie dazu eingesetzt werden, das Mögliche zu erringen. Anstatt sie dazu zu verwenden, die grosse Mehrheit von einem Wandel der Zivilisation zu überzeugen, sollten sie dazu eingesetzt werden, die grosse Mehrheit in soziale Veränderungen auf szg. halbem Wege anzubinden.

5) Zu den politischen Parteien, insbesondere zu den Linken. Hier (in Argentinien) mussten wir schlechte Erfahrungen mit ihnen machen. Anstatt sich unserer Bewegung anzuschließen, kamen sie, um sie zu vereinnahmen und zu führen und mit ihrer brudermörderischen Kompetenz untereinander; um dieses Ziel zu erreichen fehlten sie mehr als sich einzubinden und waren Komplizen des Verschleisses, der Spaltung und der Auflösung von/bei mehreren Volksversammlungen. Denn leider verhielten sich die Führenden der extremen Linken zu jenem Zeitpunkt wie eine extreme Linke des Systems, weil ihre Denkmuster nicht beinhalten dass es keine Spaltung/keinen Unterschied zwischen Führenden und Geführten gibt und versuchten anstatt zur Autonomie der Bewegung beizutragen, diese zu dominieren. Trotzdem ist die weitreichende Ablehnung der Teilnahme von Parteien an der Bewegung nicht die Lösung. Sie besitzen Erfahrungen, welche die Bewegung sich zu Nutzen machen kann und unter ihren Mitgliedern gibt es zahlreiche kämpferische Personen mit guten Absichten. Man muss sie für die Bewegung gewinnen und das geschieht, in dem deren Autonomie gestärkt wird.

 http://barcelona.indymedia.org/newswire/display/422652/index.php

BRIEF 2

In diesem zweiten Brief beziehe ich mich immer auf meine Erfahrung innerhalb der argentinischen Bewegung der Versammlungen ( movimiento asambleario ), welche in die täglichen politischen Aktivitäten im Dezember 2001 eingebunden war und gebe einige Empfehlungen dazu, wie die Bewegung Nutzen aus dem Anarchismus und Marxismus ziehen kann und wie sie sich in Acht nehmen soll vor Elementen, die in deren Namen, jedoch ohne guten Absichten, auftreten..

1). Über AnarchistInnen und MarxistInnen. Die Anarchisten/tinnen haben die demokratischen Versammlungen und die Selbstverwaltung immer als Wert, oft auch als Praxis hochgehalten. Unter den Anarchisten/tinnen, welche die historische Wichtigkeit dieser Bewegung begreifen und sie unterstützen, ohne zu versuchen, sie zu führen oder zu hegemonisieren, werden sich viele wertvolle GenossInnen finden, von denen sich viel lernen lässt. Desgleichen auch unter jenen MarxistInnen, die die autonome Entwicklung der Bewegung über Sympathien oder Verbindungen, welche sie mit irgendeiner Partei oder Gruppe haben, stellen.

Dennoch gibt es zwei Personengruppen die sich als revolutionär präsentieren ohne jedoch gute Absichten für die Bewegung zu haben….

2) Über die NihilistInnen. Die Nihilisten/tinnen sind selbsternannte AnarchistInnen, die anstatt für den Aufbau der individuellen Autonomie und die Volksmacht zu aktivieren, nur daran denken, den Hass gegen die KapitalistInnen und den Staat zu säen und daran Gewaltaktionen zu begehen, die mit diesem Hass in Verbindung stehen. Von diesen Leuten lässt sich bedauerlicherweise nur im Negativen lernen. Man kann lernen wie man NICHT Politik macht, wie man den Feind NICHT angreift und wie wir uns NICHT untereinander zusammenschliessen. Die Nihilisten/tinnen werden nicht nur keine Genossen/sinnen der Bewegung sein, sondern sie verwerfen (beschimpfen, verachten) da ihre Ziele und Methoden nicht jene sind, welche sie selbst als „real revolutionär“ befinden. Anstatt innerhalb (der Bewegung) zu arbeiten und Vorschläge zur Überwindung der Einschränkungen und Behinderungen der Bewegung zu machen, setzen sie ein Ultimatum (im Plural) von aussen. Sie nutzen sämtliche Unsicherheiten, Unbestimmtheiten und Irrtümer (die in jeder Bewegung und zudem einer jungen, unvermeidbar sind) als Gelegenheit um ihre sektiererische Position zu fundieren. Aber nehmt es nicht persönlich noch lasst zu, dass der nihilistische Baum den Wald des Anarchismus überschattet; diese Personen tun was sie tun weil sie in ihrer Praxis wie auch in ihrer Theorie den Hass gegen die Unterdrücker und die Ablehnung der aktuellen Gesellschaft über die Liebe zur Menschheit und den Aufbau einer freien Gesellschaft stellen. Das ist was passiert, wenn die Motivation ausschließlich dem Hass entspringt. Zum Glück sind diese Leute eine winzige Minderheit, weil ihre eigene Praxis sie in die Isolation selbstgeschaffener Ghettos bringt. Trotzdem ist die grösste Gefahr die sie mit sich bringen können, sich als DIE Anarchisten/tinnen zu präsentieren, den Namen des Anarchismus zu beschmutzen oder, auf undemokratische Weise, der Polizei zuträgliche Aktionen zu begehen und damit den Verleumdungen der Bewegungen seitens der PSOE und der Massenmedien ein Fundament zu liefern.

3) Über die Leninisten/tinnen. Unter den Linken Parteien gibt es manche, die sich als Marxisten/tinnen und Leninisten/tinnen darstellen. Egal obe es sich um Trotzkisten/tinnen, Stalinisten/tinnen, Maoisten/tinnen, bordiguistas (?,d.Ü,) oder irgendeine andere Variante handelt, sie alle teilen die hierarchische Vision der Gesellschaft und der Politik der herrschenden Klasse. Die Volksbewegungen sind für sie nicht mehr als das Heer, für welches sie der Generalstab sein müssen. Nach ihrer politischen Konzeption gibt es keine andere Alternative als zu führen oder geführt zu werden, als zu regieren oder regiert zu sein. Obgleich sie es nicht offen aussprechen ( es aber sehr wohl denken und es wahrgenommen werden kann, wenn man ihre Theorie studiert), denken sie, dass die Bewegung „an sich allein“ niemals über Minimalforderungen hinauskommen, nie eine revolutionäre Kritik der Gesellschaft leisten wird und niemals eine Alternative zur Macht aufbauen kann. Obgleich es dennoch offensichtlich ist, dass diese und andere Volksbewegungen im Verlauf der Geschichte diese Schemata widerlegt haben, finden sie immer die existierenden praktischen und theoretischen Einschränkungen (unvermeidbar aber zu überwinden) als Vorwand für ihre „Intervention“ als selbsternannte Avantgarde; d.h. um ihre mit ähnlichen Gruppen gemeinsame Kompetenz, (organisatorisch, moralisch, ideologisch) Räume der Autorität und der Hegemonie innerhalb der Bewegung zu gewinnen, zu rechtfertigen. Diese Kompetenz werden sie, wenn man sie lässt, entwickeln bis zur Zerstörung der Bewegung, weil es in der extremsten Version der Herrschaftspolitik besser ist, einen nicht einnehmbaren Raum zu zerschlagen.

4) Diese Warnungen vor Nihilisten/tinnen und Leninisten/tinnen soll keine Paranoia gegen jegliche Spur von Anarchismus oder Marxismus verbreiten. Es wird also genügen wenn die Mehrheit der Teilnehmenden der Bewegung die demokratischen Prinzipien respektiert und für ihre weitere Respektierung sorgt, damit die autoritären und zerstörerischen Elemente das Interesse an der Bewegung verlieren oder sich von ihr abwenden, und zudem wird man die wertvollen Elemente, die wirklich ihre Kenntnisse, ihre Arbeit und Erfahrung als Beitrag in die Bewegung einbringen wollen, gewinnen.

Als Postskriptum eine Erklärung an wen ich diese Briefe schreibe. Ich schreibe sie nicht an die MarxistInnen und AnarchistInnen innerhalb der Bewegung, die sehr gut wissen, dass ich wissen könnte, dass es das Notwenige und es machbar ist. Und noch weniger schreibe ich an die NihilistInnen und LeninistInnen die in mir einen weiteren „Konterrevolutionär“, „Kleinbürger“ etc. sehen werden. Ich schreibe sie an jene Personen die vor Kurzem mit Alledem begonnen haben, die von der Empörung gegen dieses System motiviert sind und es ist sehr gut möglich, dass dies ihre erste politische Erfahrung ist. Es sind Briefe die ich vor 10 Jahren an mich selbst gerichtet hätte, denn dies waren die Umstände, in welchen ich mich befand. Ich hoffe, dass sie Euch/Ihnen nützen

 http://barcelona.indymedia.org/newswire/display/422612/index.php

(freie Übersetzung: tierr@)

 

Quelle: http://de.indymedia.org/2011/06/309022.shtml

 

1 Antwort auf Briefe eines argentinischen Revolutionärs an die spanische Bewegung

  1. vergessen zu erwähnen hat er die unterminierung durch die eliten für ihre eigenen zwecke.

    dies ist die grösste gefahr heutzutage.

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