Profilbild von Richard

von

Meine Erinnerung an gestern den 12.11.11

13. November 2011 in Blog - alle Themen

12.11.2011 am Brandenburger Tor

Der gestrige Tag war für mich sehr ambivalent. Es gab viel schönes und viel gutes zu erfahren und zu sehen, aber auch einiges was ich mit Sorge betrachte.

Ich bin kein Fan von Demonstrationen, weil ich deren Wirkung für sehr begrenzt halte, dennoch ist es ein Zeichen, wenn tausende Leute ihre Wohnung verlassen und im kalten aber sonnendurchfluteten Regierungsviertel den Reichstag umzingeln. Die Demo war gut und hochprofessionell Organisiert, Gewerkschaften und Partien fühlten sich angezogen genauso wie Attac sowie Campact, die schlussendlich den offiziellen Weg wählten, und die Demo nach gewohnten Muster mit Abschlusskundgebung und Abschlusskonzert anmeldeten und ebenso zum Ausklang brachten. So wie nach vielen tausend gut organisierten Demonstrationen gingen nach dem der letzte Redner, das letzte Lied erklang, viele Menschen, so vermute ich, mit gestärktem Gewissen nach hause in die warme Stube und ließen die Demo, Demo sein.

Meine Kritik erscheint sicher etwas harsch und ungerecht, das mag sein ich bin kein Demoprofi ich hab in meinem Leben vielleicht an nur fünf Demonstrationen teilgenommen, eben aus dem Grund weil ich sehe, dass Demonstrationen nur passiven Einfluss auf die Politik haben. Ich gehe jedoch stark davon aus das sie zumeist, jedoch gar keinen Einfluss haben. Ob da Fünfzig Leute oder Fünfzigtausend Menschen ihren Unmut im Rahmen einer Demonstration darstellen, kommt mir wenig in Erinnerung, wo dies zu direkten parlamentarisch-politischen Konsequenzen geführt hätte.

Ich finde eine Demonstration die im Rahmen abläuft, deren Route vorgegeben ist oder wird, die sich auf enge Grenzen beschränkt und wo sich Zulassungsbehörden mehr sorgen um den Autoverkehr machen als um die politische Kultur nicht besonders effektiv.

Gestern konnte man wunderbar beobachten was der Unterschied ist zwischen einer herausgeputzten Demonstration und dem Versuch die Dinge die man eben noch auf dem Rednerpult kritisierte, gezielter und individueller zu erörtern und daran zu arbeiten, das es besser wird. Echte Demokratische und politische Prozesse wurden von Seiten der Ordnungsmacht nicht geduldet. Nach dem der offizielle Teil mit all der imposanten Bühnenshow vorbei war, versuchten einige Menschen nun aus dem gehörten Konsequenzen zu ziehen und in einer Asamblea selbst nicht nur Demonstrant zu sein sondern selbst politisch aktiv zu werden. Das finde ich sehr lobenswert.

Jedoch störte die Polizei erheblich.

Ein aus dem Gedächtnis wiederholter Dialog, zwischen mir und dem Einsatzleiter verlief folgender maßen;

Einsatzleiter: „Wie lange soll das noch dauern?“ (eher rhetorisch in den Raum gestellt)
Ich: „Das kann ich nicht sagen, die Menschen sind noch dabei.“ (soll die Asamblea umziehen oder nicht?)
Einsatzleiter: „Die sollen endlich fertig machen.“ (genervt)
Ich: „Es dauert eben so lange wie es dauert.“ (ruhig, etwas belustig über die gespannte Miene des Einsatzleiter)
Einsatzleiter: „Die sollen endlich Schluss machen.“ (noch mehr genervt)
Ich: „Das haben Sie nicht zu entscheiden.“ (ersthaft)
Einsatzleiter: „Ich will jetzt in den Feierabend!“ (quängelig, genervt, Einsatzleiter tritt ab)

Nachdem die Asamblea trotzt des aufgebauten Drucks, zu dem Konsens kam, die Asamblea mehr unter das Brandenburger Tor zu verlagern und gemeinsam umgezogen ist, kam es zu ernsthaften Auseinandersetzungen zwischen dem Staat und denen die man die Empörten nennt. Etwa ein halbes Dutzend Zelte wurden von friedlichen Menschen benutzt, niemand wurde gestört, nicht einmal der Autoverkehr. Der Schritt in den Zivilen ungehorsam ist schwer, aber wo das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht geduldet wird, wird meiner Meinung nach, friedlicher Widerstand zur Pflicht. Die Polizei nahm ca. fünf Personen Fest. Unter anderen eine Mutter mit ihrem älteren Sohn, die ihren zweiten Sohn einen 10-Jahrigen Knaben allein zurück lassen musste. Das „Antikonfliktteam“ das auf der offiziellen Demo noch mit bunten Leibchen umherschlawenzelte und anschließend nur zum abhören der Asamblea Verwendung fand, hatte wohl gerade Feierabend oder ihre gelb-bunten Leibchen gegen Helme Eingetauscht. Als wenn das nicht genug wäre wurde das Brandenburger Tor von der Bereitschaftspolizei beidseitig abgeriegelt.

Niemand, weder Mensch noch Maus, oder gar Touristen konnten hindurch. „please mit Mr. Wowereit open this gate“ oder „We are the 99%“ wurde skandiert. Erinnerungen an die Mauern der DDR kamen hoch.

Wie ich finde hat erneut der Staat seine Unfähigkeit bewiesen, demokratische Prozesse zu zulassen.

3 Antwort auf Meine Erinnerung an gestern den 12.11.11

  1. Danke Richard für den super Artikel. So sind auch die informiert, die nicht dabei sein konnten. Du hast die richtigen Worte gefunden. Es war nicht zu reißerisch oder aufhetzend. Mehr davon!. Das bringt uns weiter im Gegensatz zu Diskreditierungen.

  2. Ein Danke auch von meiner Seite!

  3. Jou super Job…meine Replik auf die Sache ist der bereits gespreadete Mehr-Radikalität-Artikel…hier nochmal falls es jemandem entgangen ist:

    http://the-babyshambler.com/2011/11/13/mehr-radikalitat-wagen-der-protest-muss-sich-zuspitzen/

Darauf antworten

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.