»Zuerst okkupieren. Forderungen kommen später« von Slavoj Žižek

30. November 2011 in Blog - alle Themen

Der folgende Beitrag ist eine Übersetzung eines Artikels des Philosophen Slavo Žižek. Dieser Artikel wurde bereits übersetzt. Allerdings enthält die Übersetzung der »Süddeutschen Zeitung« einige grobe Auslassungen und falsch wiedergegebene Feinheiten. Mein Text ist um ungefähr 300 Wörter länger und stilistisch nicht so schön, wie die professionelle Auftragsübersetzung. Aber ich möchte versuchen, diesem Artikel “gerechter” zu werden. Also fühlt euch dazu eingeladen, den Text zu lesen, zu kritisieren und weiterzugeben.

Zuerst okkupieren. Forderungen kommen später

Kritiker behaupten das Anliegen der Occupy-Bewegung sei verschwommen. Die Protestierende werden darauf antworten müssen, was als Nächstes kommt – aber nehmt euch in Acht, vor einer Debatte auf feindlichem Boden

Was tun nach der Besetzung der Wall Street und jenseits? Die Proteste, die einst weit weg anfingen, haben das Zentrum erreicht und breiten sich jetzt mit Nachdruck um die ganze Welt aus. Eine der größten Gefahren, welcher sich die Protestierenden stellen müssen, ist die Gefahr, der Selbstliebe zu verfallen. In San Francisco lud ein Aktivist der Occupy-Bewegung die Menge dazu ein, sich zu beteiligen, so als handelte es sich um ein »Happening« im Hippie-Stil der 60er: »Sie fragen uns, was ist unser Programm? Wir haben kein Programm. Wir sind hier um Spaß zu haben.«

Klamauk ist billig – die wahre Bedeutung dieser Bewegung wird aber gemessen, an dem was am nächsten Tag übrig bleibt, wie sich unser normales, tägliches Leben verändern wird. Die Bewegung sollte sich in mühsames und geduldiges Arbeiten verlieben – sie ist der Anfang, nicht das Ende. Ihre grundlegende Botschaft ist: das Tabu ist gebrochen; wir leben nicht in der bestmöglichen Welt; es ist uns erlaubt – wir sind sogar dazu verpflichtet – über Alternativen nachzudenken.

In einer Art Hegel’schen Triade, ist die westliche Linke wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückgekehrt: nach dem Aufgeben der sogenannten »Notwendigkeit des Klassenkampfs« zugunsten einer Pluralität von antirassistischen, feministischen, und anderen Einzelkämpfen, tritt der Kapitalismus wieder klar hervor als die direkte Bezeichnung für das Problem. Die erste Lektion, die wir lernen, ist also: verteufelt nicht die Menschen und ihr Verhalten. Das Problem ist nicht Korruption oder Gier, das Problem ist das System, welches die Menschen dazu verleitet korrupt zu sein. Die Lösung ist nicht »Realwirtschaft statt Finanzmarktspekulation« (original: »Main Street, not Wall Street«), die Lösung heißt, das System zu ändern, in dem die Realwirtschaft nicht ohne die Finanzmärkte funktionieren kann.

Es liegt ein langer Weg vor uns, und schon bald müssen wir uns den wirklich schwierigen Fragen stellen – keine Fragen nach dem »was wir nicht wollen«, sondern Fragen nach dem »was wir wollen«. Welche gesellschaftlichen Gestaltungen können den existierenden Kapitalismus ersetzen? Welchen Typ neuer Anführer brauchen wir? Was für Organe, einschließlich jener der Kontrolle und Repression? Die Alternativen des 20. Jahrhunderts haben offensichtlich nicht funktioniert.

Auch wenn es spannend ist, sich an einer spontanen »horziontalen Organisation« von solidarischen, egalitären Demonstranten mit ergebnisoffenen, freien Debatten zu erfreuen, sollten wir die Worte von G. K. Chesterton bedenken: »Nur einen offenen Geist zu haben ist nichts; der Zweck ist, seinen Geist zu öffnen, so wie man seinen Mund öffnet, um ihn wieder zu schließen und auf etwas Festes zu beißen.« Dieses gilt auch für Politik in ungewissen Zeiten: die ergebnisoffenen Debatten müssen zusammenfließen, nicht nur zu einigen neuartigen Sichtweisen (original: master-signifiers), sondern zu konkreten Antworten auf die alte Leninistische Frage, »Was tun?«

Die direkten konservativen Angriffe sind leicht abzuwehren. Sind die Protestierenden antiamerikanisch? Wenn konservative Fundamentalisten behaupten, Amerika sei eine christliche Nation, sollte man daran erinnern, was das Christentum ist: der Heilige Geist, die freie, egalitäre Gemeinde der Gläubigen geeint durch Liebe. Die Protestierenden sind der Heilige Geist, während an der Wall Street die Heiden falschen Götzen huldigen.

Sind die Protestierenden gewalttätig? Es stimmt, die Sprache selbst mag gewalttätig erscheinen (»occupation«, etc.), aber sie sind gewalttätig nur in dem Sinne, wie Mahatma Gandhi gewalttätig war. Sie sind gewalttätig, weil sie gegen ein »weiter so« der gegenwärtigen Verhältnisse sind – aber was ist diese Gewalt im Vergleich zur Gewalt, die das System anwenden muss, um ein glattes Funktionieren des globalen kapitalistischen Systems aufrechtzuerhalten?

Sie werden Verlierer genannt – aber sind die wahren Verlierer nicht an der Wall Street, die durch gewaltige »Finanzstabilitätsmaßnahmen« gerettet werden mussten? Sie werden Sozialisten genannt – aber in den USA existiert der Sozialismus bereits für die Reichen. Sie werden beschuldigt privates Eigentum nicht zu respektieren – aber die Finanzmarktspekulation, die zum Crash 2008 führte, hat mehr schwer verdientes Eigentum zerstört, als wenn die Protestierenden Tag und Nacht daran gearbeitet hätten, es zu zerstören – denkt nur an die Tausenden von Zwangsvollstreckungen von Häusern in den USA.

Sie sind keine Kommunisten, wenn Kommunismus ein System meint, welches zu recht 1990 kollabiert ist – und bedenke auch, dass die Kommunisten, die heute noch an der Macht sind, einen schonungslosen Kapitalismus betreiben. Der Erfolg des chinesischen, von Kommunisten verwalteten, Kapitalismus ist ein beunruhigendes Zeichen dafür, dass sich die Ehe zwischen Kapitalismus und Demokratie zu einer Trennung neigt. Die Aktivisten sind »Kommunisten« im Sinne ihrer Sorge um die Gemeingüter (lateinisch: commūne, Gemeinde, Gemeingut) – die Gemeingüter der Natur, des Wissens – welche durch das System bedroht sind.

Sie werden als Träumer belächelt, aber die wahren Träumer sind jene, die glauben, dass die Dinge, so wie sie sind, auf unbestimmte Zeit weitergehen können – lediglich mit einigen kleinen kosmetischen Veränderungen. Sie sind keine Träumer; sie sind jene, die aus einem Traum aufwachen, der zum Alptraum wird. Sie zerstören nicht, sie reagieren darauf, dass sich das System allmählich selbst zerstört. Wir kennen alle die klassische Szene aus Cartoons: die Katze erreicht einen Felshang, aber geht weiter in der Luft; sie beginnt zu fallen, erst wenn sie hinunterblickt und den Abgrund sieht. Die Proteste sind eine Erinnerung an jene an der Macht, nach unten zu schauen.

Das ist der einfache Teil. Die Protestbewegung sollte sich nicht nur vor ihren Feinden in Acht nehmen, aber auch vor falschen Freunden, die Symphatie vortäuschen, während sie schon daran arbeiten, den Protest zu verwässern. Nach dem selben Prinzip, wie wir Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol und Eiskrem ohne Fett bekommen können, versuchen die Mächtigen den Protest in eine harmlose moralistische Geste zu verwandeln.

Im Boxsport bedeutet »Clinching«, dass man den Körper seines Gegners mit einem oder beiden Armen umklammert, um Schläge zu verhindern oder zu erschweren. Bill Clintons Reaktion auf die Wall-Street-Proteste ist ein perfektes Beispiel für politisches »Clinching«. Clinton findet, dass die Proteste »im Allgemeinen … eine positive Sache« seien, aber er ist besorgt über die Verschwommenheit der Sache: »Sie müssen für etwas Bestimmtes sein, und nicht nur gegen etwas, weil, wenn du nur gegen etwas bist, wird jemand Anderes, das Vakuum ausfüllen, das du schaffst.« Clinton empfahl den Protestierenden Obamas »Arbeitsplatzpläne« zu unterstützen, welche, wie er behauptete, »einige Millionen Jobs in den nächsten anderthalb« Jahren schaffen würden.

Man sollte gerade in dieser Phase einer vorschnelle Umwandlung der Energie der Bewegung in eine Reihe konkreter, pragmatischer Forderungen widerstehen. Ja, die Proteste haben ein Vakuum geschaffen – ein Vakuum in dem Feld der hegemonialen Ideologie, und es braucht Zeit, dieses Vakuum vernünftig auszufüllen. Es ist eine schwangere Leere, eine Gelegenheit für das wirklich Neue.

Die Menschen gingen auf die Straße, weil sie genug hatten von einer Welt in der es schon ausreichend war, dass man man seine Cola-Flaschen recycelt, ein paar Dollars für einen guten Zweck gibt, oder einen Cappuccino kauft, wovon 1% des Kaufpreises für Probleme in den Entwicklungsländern verwendet wird, um sich gut zu fühlen. Nachdem man Arbeit und Folter outgesourct hat, nachdem die Partnervermittlungen sogar die Partnersuche outgesourct haben, wurde ihnen bewusst, dass sie schon seit Langem erlaubt hatten, dass auch ihr politisches Engagement outgesourct wurde – und nun wollen sie es zurück.

Politische Kunst ist es auch, auf bestimmte Forderungen zu bestehen, welche, obwohl sie »realistisch« sind, die hegemoniale Ideologie in ihrem Kern aufwühlen: z.B. Die Forderung, zugleich defintiv realisierbar und legitim, dennoch de facto unmöglich (universelle Gesunhdheitspflege in den USA war ein solcher Fall). In der Folgezeit der Occupy-Proteste sollten wir gewiss die Menschen mobilisieren und dazu bewegen, solche Forderungen zu stellen – es ist aber ebenso wichtig, gleichzeitig getrennt zu sein vom pragmatischen Feld der Verhandlungen und der »realistischen« Vorschläge.

Man sollte immer bedenken, dass jede Debatte, hier und jetzt, zwangsläufig eine Debatte ist, die auf feindlichem Boden stattfindet; es wird Zeit benötigt, um den neuen Inhalt aufzustellen. Alles, was wir jetzt sagen, kann uns genommen werden – alles außer unser Schweigen. Dieses Schweigen, diese Ablehnung des Dialogs in seinen unteschiedlichen Formen des »Clinching« ist unser »Terror«, Unheil verkündend und bedrohlich, wie es sein sollte.

3 Antwort auf »Zuerst okkupieren. Forderungen kommen später« von Slavoj Žižek

  1. Das Video ist auch nicht schlecht: http://www.youtube.com/watch?v=_GD69Cc20rw (What does it mean to be a revolutionary today?)

  2. Bezüglich der Frage nach Forderung hat Peter Marcuse (Sohn von Herbert Marcuse) vor einiger Zeit schon diesen guten Text verfasst: http://pmarcuse.wordpress.com/2011/10/07/97/

    der Blog von Marcuse ist insgesamt für die Bewegung (zumindest in den USA) empfehlenswert.

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