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Hallo Aufwachen, die Revolution ist da!

28. Oktober 2011 in Blog - alle Themen

Ich möchte meine Geschichte mit unseren Studentenprotesten im Bildungsstreik vor zwei Jahren beginnen. Damals kam es in Folge des unmuts vieler Studenten_INNEN und Mitarbeiter_INNEN der Universität über die Unterfinanzierung der Hochschulen, dem miserablen Ergebniss des Bologna Prozesses, unnötigem Leistungsdruck und unzähzligen weiteren Gründen zu zahlreichen Aktionen und Demonstrationen.

Aus einigen dieser Demonstrationszüge entstanden spontane Besetzungen von zentralen Hörsaalen der jeweiligen Universitäten. Zentrum der Proteste war damals Wien. In den besetzten Hörsäälen begannen die Studenten_INNEN regelmäßige Plenarsitzungen abzuhalten um ihr weiteres Vorgehen abzustimmen und Forderungen zu formulieren, parallel dazu wurden Arbeitskreise gebildet, die sich intensiv mit einzelnen Themengebieten beschäftigten und ihre Ergebnisse im Plenum präsentierten. Abstimmungen und Formulierungen wurden Basisdemokratisch organisiert, zentrale Figuren oder Köpfe der Bewegung gab es nicht. Zu wichtigen Bekanntmachungen wurde eine studentische Vollversammlung einberufen, die jedoch nicht immer voll besucht waren. Um den Besetzungsalltag zu verschönern wurden Workshops organisiert, Vorträge und Seminare angeboten, eine Volxküche installiert und der ein oder andere Abend mit einem Konzert, Filmen oder Theater abgerundet. Inhaltlich stießen wir jedoch recht schnell an unsere Grenzen. In mehreren abendfüllenden und mitunter zähen Plenarsitzungen, d.h. dem gemeinschaftlichen hierarchiefreien Diskurs näherten wir uns dem Kern unseren Unmuts sodass sich früher oder später die Systemfrage in den Raum drängte: wollten wir unsere Kritik auf das Bildungssystem beschränken, oder aber tiefgreifende gesellschaftliche Missstände kritisieren? Das Plenum hat sich entschieden die Forderungen auf bildungsspezifische Inhalte zu beschränken. Mehr haben wir uns nicht getraut, wir wollten nicht als Idioten und Träumer abgestempelt werden, wir wollten in den ernsthaften Dialog mit der Hochschullietung und der Politik treten. Wir hielten uns für seriös genug und unsere Anliegen als zu offenkundig, als dass man uns ignorieren konnte, diesen Bonus wollten wir uns durch diffuse Systemkritik nicht nehmen lassen.

Heute, im Oktober 2011, hat sich seither vieles getan. Die Finanz- und Bankenkrise hat sich verschärft, wir stehen kurz vor der nächsten Bankenrettung. Gleichzeitig sind auch die Staaten, insbesondere in der EU aber auch die USA in eine Schuldenkrise geraten, beides zusammen stellt die Politik, die seit Beginn der Krise 2008 ohnehin schon maßiv an Vertrauen verloren hat, vor schier unlösbare Probleme.

Doch zurück zur Revolution. Es begann im Frühjahr, fast noch letztes Jahr, als die Menschen in Tunesien und anderen Teilen der Arabischen Welt immer lauter gegen ihre Diktatoren zu rebellieren. Der entscheidende Tropfen, der das Faß dann zum Überlaufen brachte, war ein junger tunesischer Gemüsehändler, der sich aus Verzweiflung selbst in Brand setzte. Nicht das dass etwas besonderes gewesen wäre, vor ihm hatten sich schon einige andere in den Tod geflüchtet. Dennoch fanden sich in den darauffolgenden Tagen mehr und mehr Menschen in dessen Heimatdorf ein um gemeinsam zu trauern und die Umstände die ihn in den Freitod zwangen anzuprangern. Es entstand ein Gefühl der gemeinsamen Stärke dem Bewusstsein für eine gerechte Sache einzustehen, dass sich die Bewegung schnell über dass ganze Land ausbreitete. Der viel zitierte Arabische Frühling nahm seinen Anfang. Regelmäßig nach dem Freitagsgebet versammelten sich Menschen aller gesellschftliche Schichten um gemeinsam und friedlich für Demokratie und die Achtung ihrer Menschenrechte einzustehen. Nach nur wenigen Wochen wurde daraus der Marsch der Millionen, der mächtig genug war, den damaligen Diktator – Ben Ali – zum Rücktritt zu zwingen. Angesteckt von dieser Euphorie begannen nun auch in Ägypten die Unruhen, wie auch schon zuvor sein tunesisches Pendant, wehrte sich Mubarak seine Macht abzugeben. Friedliche Demonstrationen wurden gewaltsam niedergeknüppelt, mit scharfer Munition auf Bürger_INNEN geschossen und zahlreiche Demonstrant_INNEN verhaftet. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ließen sich die Menschen nicht einschüchtern und hielten den Tahir-Platz wochenlang besetzt. Als sich dann schließlich auch das Regimetreue Militär weigerte weiter gegen ihre Mitbürger_INNEN vorzugehen, war auch Mubarak gezwungen abzudanken.

In diesen Wochen ist etwas passiert was noch kurz zuvor undenkbar gewesen wäre, weil die Menschen sich nicht einschüchtern ließen, moderne Kommunikationsmittel benutzten um sich schnell und anonym zu organisieren haben sie eine Bewegung in Gang gesetzt, deren legitime Macht nichts entgegen zu setzten war.

Dort wo die Machthaber zu starrköpfig waren um sich der Realität zu beugen, entwickelten sich graußame Bürgerkriege (Lybien), maßlose Gewalt gegenüber Demonstranten (Syrien) und eine unmenschliche Repression (Jemen, Libanon…).

Interessanterweise hielten sich die westlichen Machthabern zu den Ereignissen erstaunlich bedeckt. Schließlich ging es doch um Demokratie, um derentwegen der Westen bis heute Krieg in Afghanistan führt. Eigentlich hätte doch kollektiver Jubel ausbrechen müssen, angesichts einer solchen Menschenrechtsbewegung. Stattdessen wurde lamentiert über fehlende Stabilitäten und mögliche Islamistische Tendenzen usw. Nur allmählich begrüßten die USA und EU den arabischen Frühling. Andersherum betrachtet kann man der Politik ihre fehlende Begeisterung auch nur schwer übel nehmen. Wie sollte sich bspw. Sarkozy über den Sturz seines jahrelangen Urlaubsgefährten Ben Ali, mit dem er gerade erst noch milliardenschwere Abkommen unterzeichnet hatte, und der ihm freundlicherweise sämtlichen Mittelmeerflüchtlinge vom Halse hielt, freuen können?

Der Arabische Frühling bewirkte in der westlichen Welt also zweierlei: Erstens war da diese unglaubliche Energie die das Bewusstsein gemeinsam doch noch etwas bewegen zu können mit sich bringt. Zweitens die unglaubliche Entblößung der westlichen Demokratien, Jahre lang wähnten wir uns auf der guten Seite, wir sorgten für Stabilität, schlossen Handelsabkommen, privatisierten, leisteten wertvolle Entwicklungshilfe, führten Kriege gegen Terroristen und schufen die Achse des Bösen. Das alles im Bewusstsein unserer westlichen Demokratien, ausgestattet mit sämtlichen Menschenrechten und Unterstützung der UNO, die wir selbst stellen, könnten wir nur auf der guten Seite sein. Und nun das. Plötzlich wagen es Menschen sich zu erheben und ohne unsere Erlaubniss ihre Rechte einzufordern und zudem noch wichtige Garanten der Stabilität zu stürzen.

Symptome einer ihres Kern beraubten, mehr der Wirtschaft als dem eigenen Volk dienenden Demokratien-Landschaft. Zu diesen Symptomen gehört auch, dass in einem Land wie Spanien die Jugendarbeitslosigkeit bei unglaublichen 40% liegt, wie übrigens in den meisten arabischen Ländern auch. Kein Zufall also dass am 15. Mai auch in Spanien frustrierte Menschen ihren Weg auf die Staße fanden. Inspiriert und bestärkt wurden durch ein kleines Buch, eines alten Mannes: „Empört Euch!“ von Stephane Hessel. Er der Alte, der in der Resistance gekämpft, Buchenwald überlebt und an den Menschrechen mitgeschrieben hat, fordert in seinem Buch die junge Generation auf, sich zu empören, nicht alles hinzunehmen sondern für ihre Rechte einzustehen und zu fordern. Die Indignados, die Empörten begannen also auch in Spanien zu Demonstrieren und Plätze zu besetzten. Unter dem Slogan !Tomma la Calle! – nehmt euch die Straße – erichteten sie mit einem Hauch vom Tahir-Platz, wahre Zeltstädte mitten in Barcelona, Madrid und vielen anderen Städten. Im allabendlichen Plenum, in Spanien Assamblea genannt, entwickelte sich die Idee von Echte Demokratie Jetzt. Democraia Real YA! war fortan der Schlachtruf mit dem die Empörten im Internet, auf Facebook und auf Zwitter immer mehr Menschen mobilisieren konnten. Unter dem Hash-Tag #spanishrevolution verbreitete sich die Echte-Demokratie-Jetzt! Bewegung über ganz Europa aus. Auch in Deutschland fanden kleine, spontane Aktionen statt. Mit wachsender Vernetzung und dem Schulterschluss mit den Demonstranten in Athen, die ohnehin Grund genug zur Empörung haben, entstand die Idee einer weltweiten Bewegung, der 15.Oktober wurde vereinbart um nach dem Arabischen Frühling auch den westlichen Machthabern einen heißen Herbst zu verschaffen.

Im Laufe der Assambleas in den Städten wuchsen die regelmäßigen Demonstrationen, teilweise waren mehrere Hunderttausend auf den Beinen. Wie wir damals in unserern besetzten Hörsälen begannen die Menschen auf den Plätzen Küchenzelte, Büchereien, Musik, Informationsstände, Kleidersammlungen, Seminare, Arbeitsgruppen usw.. zu organisieren. Die Systemfrage auf dem Platz war schnell gelöst: es geht um alles. Laut Manifest sieht sich die Bewegung als Menschen wie du und ich, durch alle Schichten und jeden Alters, aus unterscheidlichen Gründen empört aber mit der gleichen Vision einer menschlicheren Gesellschaft vor Augen. Mitte Juni entschlossen sich die empörten die Plätze zu räumen und Botschaft „ We are not anti-system, system is anti-us“ in die Vorstädte zu tragen um auch dort Assambleas abzuhalten und Menschen zu begeistern.

Um den 15. Oktober wurde es ruhig, keiner wusste wer kommen würde ob überhaupt jemand kommen würde oder ob die Euphorie auf einige wenige begrenzt bleiben würde. Wie aus dem Nichts dann die Meldungen über Occupy Wall Street, von den Medien zu Beginn, wie auch schon in Spanien ignoriert, dann als Spinner abgetan, stieß die Occupy Bewegung auf regen Zuspruch in der amerikanischen Gesellschaft. Sie wuchs nach spanischen Vorbild mit jedoch spezifischen Unterschieden zu einer nicht mehr zu ignorierenden Größe heran. Der Slogan We are 99% traf einen Nerv, in den gesammten USA entstanden Occupy-Camps.

Dann kam der 15. Oktober, in Deutschland waren wie aus dem Nichts 40.000 Menschen in mehreren Städten auf der Straße um zu besetzten. Sie besetzten Frankfurt auf dem Platz vor der EZB, besetzten Düsseldorf, halten Asableas vor dem Reichtag und stoßen sowohl bei Medien, Politik und dem eigentlichen Feind der Finanzwelt auf Zustimmung. Wenn gleich kaum einer der genannten versteht was vor sich geht. Wenn auf der ganzen Welt in 1000 Städten unzählige Menschen in unglaublicher Solidarität unter verschiedenen Motiven aber mit dem gleichen Ziel auf die Straße gehen, spürt die Politik zwar den Druck, ist aber nicht in der Lage zu reagieren. Neben dem absolut friedlichen Vorgehen der Demonstranten, stehen zwar keine exakten Forderungen aber das Wissen wahrhaftig auf der guten Seite zu stehen. Was wenn nicht die Menschenrechte soll denn sonst auf der guten Seite stehen? Und in eben diesem Wissen fordern die Menschen auf den Straßen der Welt echte Demokratie, hierarchiefreie Entscheidungsfindungen, gerechte Verteilung, Mitbestimmung, Partizipation, Respekt, Solidarität und noch tausend Dinge mehr die eigentlich so selbstverständlich sein sollten, es offenbar aber nicht sind. Aus diesem Grund mögen sie sie auch alle, die Bewegung, egal wie sie sie nennen, ob nun Occupy, 99%, Empörte, Wut- oder Mutbürger, das wofür diese Menschen einstehen, braucht kein Label. Deswegen ist es auch nicht der Kommunismus den sie fordern oder den Sozialimus oder sonst irgendeinen Begriff sondern schlicht eine menschenwürdige Gesellschaft. Eine solche Bewegung, noch dazu weltweit, würde ich zweifelsohne revolutionär nennen wollen!

2 Antwort auf Hallo Aufwachen, die Revolution ist da!

  1. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mich hier so einfach anmelde und diesen rießen Text dahin klatsche! Der Text ist gestern Nacht entstanden und schon lange trage ich das Gefühl der Empörung und den Unmut über die Medienberichterstattung in mir herum, dass es eine Wohltat war diese Geschichte zu verfassen. Ursprünglich wollte ich ihn zuerst in einem Pad veröffentlichen mit der Bitte an alle ihn zu verändern und zu präzisieren, da ich aber keine ahnung habe wie sowas funktioniert, dachte ich ich könnte ihn einfach posten… ich hoffe das ist in ordnung so und widerspricht nicht der funktionsweise von alex11.org.
    viele grüße!

    • Hallo @nico11,
      genau dafür ist der Blog gedacht, dass Menschen Texte dahin klatschen können ;)

      Eine Bitte hätte ich nur, dass du dein Text vielleicht noch mit Schlüsselwörtern ausstattest. Wenn du den Artikel bearbeitest, findest du auf der rechten Seite eine Box mit dem Namen “Schlagwörter”. Dort kannst mit Kommas getrennt Schlagwörter für deinen Text definieren.

      Danke und Grüße

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